Viele deutsche Unternehmen der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie exportieren nach USA. Alle kennen die Erfahrung: Die Sprachbarriere und die Entfernung über den Atlantik lassen sich noch relativ leicht überwinden, aber man sieht sich auch mit anderen Produktanforderungen als in Europa konfrontiert. Nicht genug damit, dass für die meisten Produkte UL-Normen zu erfüllen sind, die kaum mit den internationalen IEC-Normen harmonisiert sind, nein man muss auch ein Prüfzeichen und Zertifikat für sein Produkt vorweisen.
Vielfach ist die Meinung verbreitet, Normen und Prüfzeichen kämen grundsätzlich nur aus einer Institution: UL (Underwriters Laboratories) sei der einzige verbindliche Normensetzer und gleichzeitig der einzige Zertifizierer, der Elektroprodukte für den amerikanischen Markt zulassen
könne. Aber so einfach ist es nicht. Die US-amerikanische Welt der technischen Regeln ist wesentlich komplizierter als es den Anschein hat.
Zunächst zur Rolle der Normung: In den USA existieren mehrere Organisationen, die Normen herausgeben und die vom Staat anerkannt sind. UL und ANSI sind die bekanntesten, wobei für die elektrische Sicherheit in der Praxis UL die Hauptrolle spielt. Diese amerikanischen Normen werden zum Teil in Gesetzen und sogenannten „codes“ verbindlich angezogen. Anders als beim europäischen Prinzip der freiwilligen Normanwendung mit Vermutungswirkung kommt es dadurch in den USA zu einer Pflicht zur Normeinhaltung.
Die Verhältnisse werden aber dadurch unübersichtlich, dass die US-einheitlichen Gesetze und Codes meist nur eine Art Mindestanforderung festlegen. Die regionalen Behörden können darüber hinaus weitergehende und abweichende Anforderungen stellen. Diese Möglichkeit haben aber nicht nur die Regierungen der 50 Bundesstaaten sondern auch kommunale und andere regionale Verwaltungsbehörden. Insgesamt spricht man von etwa 4000 Stellen, die für ihre jeweilige Region verbindliche eigene technische Anforderungen an Produkte stellen können.
Aber nicht nur die Verbindlichkeit US-spezifischer Standards ist für die europäischen Hersteller ein Hindernis – eine wesentliches Problem ist auch die regelmäßig verlangte Zertifizierung. Ein besonderes Ärgernis ist die scheinbare Monopolsituation in diesem Bereich. Während man in Europa zwischen vielen Zertifizierungsanbietern wählen kann, besteht der Eindruck, in den USA gäbe es mit UL nur eine einzige Zertifizierungsorganisation, deren Geschäftsbedingungen man als Hersteller ausgeliefert ist. Die Abläufe, Bearbeitungszeiten, Intervalle für Werksinspektionen und Ähnliches scheinen sich aus Sicht vieler Hersteller in erster Linie an erzielbaren Gewinnen und nicht an technischen Notwendigkeiten zu orientieren. Die Kundenzufriedenheit als Ziel bleibt schnell auf der Strecke, wenn kein Wettbewerber zu fürchten ist, die Hersteller aber auf den Erwerb des Zeichens angewiesen sind.
Kontakt
Dr.-Ing. Jörg Ed. Hartge
Abteilung Technisches Recht und Standardisierung
Mail: hartge(at)zvei.org
für den Bereich Electronic Components and Systems
Volker Kaiser
Fachverband Electronic Components and Systems
Mail: kaiser(at)zvei.org
Mit der Aufnahme der Arbeit des Transatlantic Economic Council (TEC) hat die Diskussion um die Einführung der Herstellererklärung in den USA als Ersatz für Pflichtzertifizierung neue Dynamik erhalten. Zu dieser Frage hat OSHA eine Konsultation veröffentlicht. Die entsprechende ZVEI-Stellungnahme finden Sie unter:
Allgemeine Informationen finden Sie auf der Seite von OSHA www.osha.gov.
Flyer "Zertifizierung für die USA" - Derzeit 15 Zertifizierer für den freien US-amerikanischen Markt in deutscher und englischer Sprache verfügbar