News

10.04.2017

Klimaschutz: eine Frage des Preises?

Auf dem Klimagipfel in Paris hat sich die Weltgemeinschaft erstmals auf ein verbindliches Klimaziel verständigt. Wie die politische Umsetzung des Zwei-Grad-Ziels aussehen muss, diskutieren Professor Dr. Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change und stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und ZVEI-Präsident Michael Ziesemer.

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer (rechts) und Michael Ziesemer im Gespräch.
© Thorsten Futh

Betrachten Sie den Weltklimagipfel in Paris als den entscheidenden Durchbruch?

 

Edenhofer: Mit der Veröffentlichung des fünften Sachstandsberichts hatte der Weltklimarat vor dem Gipfel in Paris Pflöcke eingeschlagen, an denen so leicht niemand vorbeikam. In dem Bericht ist festgehalten, dass ein Großteil der Kohle, des Erdgases und des Öls im Boden bleiben müssen, wenn wir die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad begrenzen wollen. Da ist es fast ein Wunder, dass sich in Paris so viele Staaten diplomatisch geeinigt haben. Ich plädiere daher für den langen Atem. 

 

Ziesemer: Die Erkenntnis, dass gegen den Klimawandel gearbeitet werden muss, ist auch in der Industrie verbreitet. Die Frage ist jetzt nur: Wie machen wir es? Wir haben ja kein internationales Regime, daher müssen wir in Deutschland darauf achten, dass die vernetzten Wertschöpfungsketten unserer Industrie nicht zerreißen. Ein Beispiel: Um wettbewerbsfähige Autos anbieten zu können, müssen wir in Deutschland auch moderne Stahlsorten und Polymere entwickeln und fertigen. Wir sollten aufpassen, dass wir durch einseitige Belastungen, die internationale Wettbewerber nicht haben, keinen Schaden nehmen. 

 

Edenhofer: Idealweise würde ein internationales Abkommen dafür sorgen, dass alle Marktteilnehmer dem gleichen Preis für die Emission von Kohlendioxid ausgesetzt wären. Ob der Preis durch den Handel mit Emissionszertifikaten oder durch eine Steuer erzielt würde, ist dabei nachrangig. Transferzahlungen müssten dafür sorgen, dass die Länder, die sich einen hohen CO2-Preis nicht leisten können, von der Staatengemeinschaft unterstützt werden. So wäre es möglich, eine ambitionierte Klimapolitik zu betreiben, ohne dass die Industrie Wettbewerbsnachteile befürchten müsste – im Gegenteil, wer effektiven Klimaschutz betreibt, hätte einen Vorteil. 

 

Was ist der Instrumentenmix, den wir unter realen Bedingungen anstreben sollten?

 

Ziesemer: Natürlich könnte man über CO2-Zertifikate theoretisch alles regeln. Aber unter heutigen Bedingungen ist das nicht möglich, daher brauchen wir weitere Instrumente. So werden fossile Energieträger nur genutzt, wenn sie gegenüber Erneuerbaren Energien einen Kostenvorteil bieten. Mittlerweile haben wir in vielen Fällen Kostenparität erreicht. Ohne das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) hätten wir die dafür notwendigen Skaleneffekte nicht erreicht. Mittlerweile geht es aber auch darum, mehr Intelligenz in die Netze zu bringen, um lokale Netzwerke zu schaffen, die Erzeugung und Verbrauch lokal steuern. Die damit mögliche Lastverschiebung hat den gleichen Effekt wie ein Ausbau der Speicherkapazitäten.

 

Edenhofer: Es ist klar, dass wir für die Energiewende jenseits des EEG neue Politikinstrumente brauchen. Die Frage ist nur, ob diese Förderung durch Subventionierung oder durch CO2-Bepreisung erfolgen sollte. Schauen wir doch mal genauer hin: Obwohl der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion stark gestiegen ist, sinken die CO2-Emissionen hierzulande nicht wesentlich. Grund dafür ist, dass die Stromerzeugung aus, vor allem aus Braunkohle, nach wie vor sehr rentabel ist. Dass sich emissionsärmere Gaskraftwerke nicht rechnen, ist im Wesentlichen auf den Preisverfall im europäischen Emissionshandel zurückzuführen. Wenn wir den Kohleausstieg wollen – was auch aufgrund der lokalen Schadstoffemissionen sinnvoll wäre –, dann brauchen wir einen stetig steigenden Mindestpreis im europäischen Emissionshandel. Die deutsche Energiewende wird ihr Ziel sonst nicht erreichen.

 

Ziesemer: Grundsätzlich bin ich mit dem einverstanden, was Sie sagen. Aber können wir uns wirklich darauf verlassen, dass so eine Lösung schnell kommt? Deshalb glaube ich, dass wir die Potenziale nutzen sollten, die in erneuerbaren Energien, der besseren Steuerung der Netze und höherer Energieeffizienz liegen. Allein über CO2-Preise wird es nicht gehen.

 

Welche Rolle spielt Energieeffizienz dabei, die Paris-Ziele zu erreichen?

 

Edenhofer: Da kommt der Reboundeffekt ins Spiel: Energieeffizienz und Energieverbrauch können gleichzeitig steigen. Denn wenn die Energiekosten sinken, schafft man einen Anreiz für zusätzlichen Verbrauch. Anders ausgedrückt: Wir fahren zwar in effizienteren Autos als vor 30 Jahren, aber mehr Leute fahren größere Autos. Die Effizienz hat meist auch eine Kehrseite. Das Mittel der Wahl gegen den Reboundeffekt ist eine CO2-Bepreisung. 

 

Ziesemer: Wenn wir uns die Effizienzfortschritte in der Industrie ansehen, dann stimmt das so nicht. Man nutzt heute zum Beispiel Abwärme oder setzt regelbare Pumpen und Antriebe ein, lauter Dinge, die den „Carbon Footprint“ eindeutig reduziert haben. Im Grundsatz ist Effizienz also schon etwas Gutes.

 

Edenhofer: Effizienz ist rundherum gut, wenn es einen CO2-Preis gibt.

 

Ziesemer: Auch weil Energieeffizienz unsere Wettbewerbsfähigkeit steigert. Die deutsche Industrie exportiert diese Technologien in alle Welt.

 

Edenhofer: Das bestreite ich nicht, im Gegenteil: Ich bewundere, was die Industrie hier leistet. Ich weise nur darauf hin, dass im globalen Maßstab Effizienzsteigerungen durch das Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaft überkompensiert werden. 

 

Ziesemer: Der Energieverbrauch in vielen Schwellenländern wird zunächst noch einmal dramatisch steigen, das können wir ihnen auch nicht verwehren. Für deutsche Effizienztechnologien ist das eine große Geschäftschance.

 

Edenhofer: Wir sollten nur nicht davon ausgehen, dass es steigende Energiekosten auf die Dauer richten. Es ist ein Mythos, dass fossile Energieträger bald knapp werden, das Gegenteil ist der Fall. Begrenzt ist jedoch die CO2-Aufnahmekapazität unserer Atmosphäre. Die Marktkräfte allein werden uns nicht auf den Pfad der klimapolitischen Tugend zwingen.

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Weiterführend

Meistbesuchte Seiten

Automation

Mehr erfahren

Electronic Components and Systems

Mehr erfahren

Elektromedizinische Technik

Mehr erfahren

Arge Errichter & Planer

Mehr erfahren

Satellit & Kabel

Mehr erfahren

Die Elektroindustrie - 100 Jahre Innovation für Menschen

Schritt für Schritt entwickeln wir Menschen uns weiter. Die Technologie spielt in Zeiten der Digitalisierung eine immer größere...

ZVEI explains Supply Chain Management

Electronic supply chains are complex. This is why it is of importance to manage their complexity well. The PROS definiton...

ZVEI erklärt Supply Chain Management

Damit Wertschöpfungsketten gut funktionieren, müssen sie gut gemanagt werden. Die PROS-Definition des ZVEI hilft dabei.

ZVEI Kolloquium Gebäudeautomation 2016: IoT - und was jetzt?

Das Internet der Dinge, Dienste und Menschen ermöglicht datenbasierte Innovationen und damit neue Produkte, Systeme und...

ZVEI Kolloquium Gebäudeautomation 2016: Von Produkten, Systemen und Diensten im IoT

Herausforderungen im Internet der Dinge, Dienste und Menschen – beim 7. ZVEI-Kolloquium Gebäudeautomation war das ein zentrales...