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22.06.2026
„Nachdenken bleibt die beste Gegenmaßnahme“
Künstliche Intelligenz könnte sich zum Cybersicherheits-GAU entwickeln: Denn in den falschen Händen kann KI Sicherheitslücken schnell identifizieren und ausnutzen. IT-Security-Experte Manuel Atug warnt dennoch vor blinder Panik. Für ihn bleibt das beste Mittel gegen Cyberkriminelle ein altes.
Heißes Eisen
„Nachdenken bleibt die beste Gegenmaßnahme“
Künstliche Intelligenz könnte sich zum Cybersicherheits-GAU entwickeln: Denn in den falschen Händen kann KI Sicherheitslücken schnell identifizieren und ausnutzen. IT-Security-Experte Manuel Atug warnt dennoch vor blinder Panik. Für ihn bleibt das beste Mittel gegen Cyberkriminelle ein altes.

Auf den ersten Blick wirkt die E-Mail völlig echt: Ein alter Kollege meldet sich, plaudert im Branchenjargon, erwähnt andere Ehemalige. Die Absenderadresse enthält seinen Namen und erscheint ebenfalls unverdächtig. Dennoch handelt es sich um eine raffinierte Fälschung: Kriminelle haben die Nachricht von einer KI schreiben lassen. Ein Chatbot – ähnlich wie ChatGPT – hat im Internet zunächst Infos über den Empfänger gesammelt und die Locknachricht dann ideal auf ihn zugeschnitten. Früher war für so eine Attacke („Spear Phishing“) viel händische Recherche nötig. Mit KI können Kriminelle täuschend echt wirkende Betrugsmails jetzt am Fließband produzieren, und weil keine Nachricht wie die andere ist, versagen klassische Phishing-Filter, die nach identischen Mustern suchen.
Angesichts dieser und anderer KI-gestützter Angriffsmethoden schlagen viele IT-Sicherheitsprofis derzeit Alarm. 2026 könne eine nie dagewesene Cyberbetrugswelle auf die Wirtschaft zurollen. Denn Künstliche Intelligenz kann nicht nur perfekte Lockmails schreiben, sondern auch Sicherheitslücken schnell ausnutzen. Manuel Atug, Principal bei der Berliner Beratungsfirma HiSolutions, beurteilt die Lage nüchtern. „KI ist keine Intelligenz oder Magie, sondern vor allem viel Hype. Letztlich handelt es sich um Software.“ Und Kriminelle nutzten diese Software, um sich die Arbeit zu erleichtern. Viele Angriffsmethoden seien bekannt und würden jetzt lediglich stärker automatisiert.
An der besten Gegenmaßnahme hat sich nach Atugs Ansicht nichts geändert. „Nachdenken“, sagt der IT-Profi und schmunzelt. Die Kriminellen setzten darauf, dass die Opfer in der Alltagshektik überstürzt auf einen gefährlichen Link klicken. „Dagegen hilft oft schon ein bisschen Entschleunigung.“ Er gibt ein Beispiel: Schickt ein Kollege plötzlich eine Mail in ungewohnt perfektem Englisch und drängt auf eine schnelle Reaktion, sollte man sich die Zeit nehmen, kurz telefonisch nachzuhaken. „Aber verwenden Sie die Nummer des Kollegen, die Sie in Ihrem Handy gespeichert haben – keine, die in der Mail angegeben ist.“ Dann könnten nämlich die Betrüger an der Strippe sein.

Die Cyberbedrohungen von morgen im Blick zu behalten, ist Atugs tägliches Geschäft. Er gehört bei HiSolutions zum Team „Security Innovation and Practices“ und hilft Unternehmen, sich gegen neue Angriffsformen zu wappnen. Er führt regelmäßig Prüfungen in KRITIS-Betrieben durch und berät sie, um Defizite aufzuspüren, bevor böswillig angreifende Akteure das tun. Für die Bundesregierung und die Bundesländer wird er immer wieder als Sachverständiger für Cybersicherheit berufen.
Das ist jedoch nur eine Seite des 49-Jährigen, quasi die „Anzug-Version“. Daneben gibt es die Version im schwarzen T-Shirt: Atug ist seit vielen Jahrzehnten ehrenamtlich in verschiedenen NGOs aktiv, vertritt starke Meinungen in Sachen Netzpolitik und trägt bei Videokonferenzen mitunter einen Kopfhörer mit Hasenohren – passend zu seinem Szenenamen „HonkHase“, den er sogar in seinen Personalausweis als Künstlernamen hat eintragen lassen. „Der ist durch Zufall entstanden, als ich mich mal wieder über die Honks (Deppen) im Internet aufgeregt habe“, lacht der Diplom-Informatiker.
Die neuen Bedrohungen durch KI-Missbrauch verfolgt der Netzaktivist aufmerksam – aber unaufgeregt. „Es gilt weiterhin: Sie müssen eine Gesamtsicht auf die Sicherheit Ihrer Geschäftsprozesse etablieren.“ Es reiche zum Beispiel nicht, die Belegschaft darin zu schulen, Phishing-E-Mails zu erkennen, so Atug. „Das ist, wie vorne eine Stahltür einzubauen und den Rest mit einem 30 Zentimeter hohen Maschendrahtzaun abzusichern.“ Gute Cyberabwehr umfasse immer ein Bündel von Maßnahmen: Antivirenprogramm und Firewall einsetzen, Software updaten, Backups erstellen – und auch testen, ob sich die Daten damit wiederherstellen lassen. Das ist im Fall einer sogenannten Ransomware-Attacke nämlich überlebenswichtig – der gängigsten Form eines Cyberangriffs. Dabei verschlüsseln Kriminelle die Daten eines Betriebs und geben den Schlüssel nur gegen ein Lösegeld heraus.
Digitale Souveränität stärken:
Eines hat Atug in über drei Jahrzehnten in der IT-Security gelernt: Die Technik ist oft nicht das Problem. Viele Sicherheitslücken entstehen allein durch Trägheit. „Weil das Themengebiet Cyber und Digitalisierung von außen so anstrengend wirkt, tun sich viele schwer damit.“ Gepaart sei das oft mit der Illusion, „zu klein“ zu sein. Dabei sind gerade mittelgroße Firmen für Cyberkriminelle am interessantesten. Große Konzerne anzugreifen, das sogenannte Big Game Hunting (Großwildjagd), ist nämlich riskant, da die Strafverfolgung bei prominenten Opfern oft mit viel Energie ermittelt. Bei Kleinbetrieben und Privatpersonen ist das nicht in dem Ausmaß zu erwarten, dafür gibt es hier auch deutlich weniger zu holen. „Meist sind Privatpersonen und die Geschäftsführung von Kleinbetrieben schon damit überfordert, Lösegeld in einer Kryptowährung zu bezahlen“, ergänzt Atug. Ein Mittelständler dagegen stellt das perfekte Opfer dar: Die potenzielle Beute ist groß genug, die zu erwartende Gegenwehr schwach. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte hat bei jedem vierten deutschen Mittelständler schon einmal ein Cybervorfall den Betriebsablauf gestört.
Die Zahl der Angriffe dürfte weiter steigen. 228.000 neue Varianten von Schadprogrammen tauchen jeden Tag auf, heißt es im aktuellen Lagebericht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Angesichts immer neuer Bedrohungen fordern einzelne Politiker, Hacker mit gezielten Gegenattacken (Hackbacks) zu überziehen. Davon hält Netzaktivist Atug gar nichts. Er rät zu mehr digitaler Souveränität und Kooperation. Dazu passt auch eine seiner neuesten Ideen: Atug hat angeregt, ein „CyberHilfsWerk“, kurz CHW, ins Leben zu rufen – als digitales Pendant zum Technischen Hilfswerk (THW). Zivile Helfende und Spezialistinnen sollen im Krisenfall von einem Cyberangriff betroffene Institutionen mit ihrem Know-how unterstützen. Beim THW läuft gerade eine Machbarkeitsstudie dazu. „Ende des Jahres könnte das Konzept ‚ready‘ sein, dann sind erste kleine Einsätze denkbar“, freut sich Atug.
Text Constantin Gillies | Bild ZVEI/René Gaens
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2026 am 13. April 2026 erschienen.