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19.08.2019

China

Seit einem Vierteljahrhundert weist China Jahr für Jahr Leistungsbilanzüberschüsse aus. Oder grob gesagt: Das Land exportiert mehr Güter und Dienstleistungen, als es importiert. 2007 belief sich der Überschuss auf sagenhafte zehn Prozent des Sozialprodukts. 2015 erreichten die chinesischen Exporte ihren bisherigen Rekordanteil von 14 Prozent an den gesamten Ausfuhren weltweit.

Im Schlaglicht beschäftigt sich der ZVEI jeden Monat mit aktuellen wirtschaftspolitischen Themen.

Doch aktuell ändert sich etwas. So lag Chinas Leistungsbilanzsaldo 2018 nur noch bei plus 0,4 Prozent der Wirtschaftsleistung. In diesem Jahr könnte er womöglich erstmals seit 1993 negativ werden. Der Überschuss schmilzt dahin, weil das Land reicher und älter wird. Indem die Konsumenten mehr Autos, Smartphones oder Designerklamotten haben wollen, nehmen die Importe stark zu. Gleichzeitig brummt der Tourismus der Chinesen. In der ersten Dekade dieses Jahrhunderts kam die Zahl der registrierten Reisen ins Ausland im Schnitt auf knapp 30 Millionen pro Jahr. 2018 lag sie dann bereits bei 150 Millionen. Die Alterung der Gesellschaft trägt zusätzlich dazu bei, dass die Sparrate der chinesischen Bevölkerung sinkt und damit die Differenz zwischen der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis und den Investitionen (die letztlich dem Leistungsbilanzsaldo entspricht) fällt.

Zwar unterliegt der Leistungsbilanzsaldo auch zyklischen Schwankungen. Zu den größten Importposten Chinas zählen etwa Öl und Halbleiter, deren Preise vergleichsweise volatil sind. Gleichwohl dürfte der Rückbau des Überschusses aus den oben genannten Gründen vor allem struktureller Natur und damit von Dauer sein. Während der IWF meint, China werde künftig nur noch sehr geringe Leistungsbilanzüberschüsse haben, hält Morgan Stanley auch mehrere Jahre mit Defiziten für möglich.

In jedem Fall stellt die Entwicklung eine große Herausforderung für das chinesische Finanzsystem dar, das bis heute von staatlichen Akteuren dominiert wird und entsprechend Kapitalverkehrskontrollen und einer Steuerung des Wechselkurses unterliegt, weil man kaum etwas so sehr fürchtet wie Instabilität im Finanzsektor.

Nun finden Leistungsbilanzüberschüsse ihre spiegelbildliche Entsprechung in einer Kreditgewährung an das Ausland und Leistungsbilanzdefizite in einer Verschuldung im Ausland. Das heißt: Sollte China ins Künftige tatsächlich immer auch mal wieder Jahre mit negativer Leistungsbilanz haben, muss es sich mehr für ausländisches Kapital öffnen. Hier hat es in der Vergangenheit durchaus Schritte in diese Richtung gegeben, allerdings nur zaghafte. Es braucht Reformen hin zu einem liberaleren Finanzsystem mit freiem Kapitalverkehr (in beide Richtungen, also nach China rein und aus China raus) und einem flexiblen Wechselkurs. Wie weit China hier am Ende zu gehen bereit ist, bleibt offen. Immerhin ist das Misstrauen gegenüber marktwirtschaftlichen Kräften nach wie vor groß.

Erstaunlicherweise scheinen solche Aspekte in den gegenwärtigen Verhandlungen zwischen China und den USA über Handelsfragen keine Rolle zu spielen. Im Gegenteil, hier bestehen die Amerikaner dem Vernehmen nach vielmehr darauf, dass die Chinesen den Kurs ihrer Währung stabilisieren (und sich nicht durch Abwertungen künstliche Wettbewerbsvorteile verschaffen). Mit anderen Worten: Man denkt weiter in den Kategorien von Währungskriegen, anstatt die Trendumkehr in der Entwicklung des chinesischen Leistungsbilanzsaldos zum Anlass zu nehmen, auf eine willkommene Öffnung des Finanzsystems im Reich der Mitte hinzuwirken.

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