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24.09.2019

Chinas Devisenreserven als Waffe im Handelsstreit?

Um aufzuschließen und Wohlstand zu generieren, hat sich China seinerzeit zunächst auf das bewährte Modell der Exportorientierung konzentriert. Als hohes Ausfuhr- und Wirtschaftswachstum dann in den frühen 2000er Jahren für Aufwertungsdruck gesorgt haben, begann die Zentralbank damit, Devisen – insbesondere US-Dollar – zu kaufen und diese v.a. in amerikanische Staatsanleihen zu stecken. Heute sind die Währungsreserven des Landes die größten weltweit. Allein der Bestand an US-Staatspapieren beläuft sich auf mehr als 1,1 Billionen Dollar.

Im Schlaglicht beschäftigt sich der ZVEI jeden Monat mit aktuellen wirtschaftspolitischen Themen.

Da fragt sich, ob China im Handelsstreit mit den USA nicht eine effiziente Waffe in der Hinterhand hat. So muss die US-Regierung ihre ausstehenden Schuldverschreibungen laufend prolongieren und zur Finanzierung des Haushaltsdefizits neue Anleihen platzieren. Würden die Chinesen nun ihre Bestände an Papieren losschlagen, so das Argument, könnte der Markt für amerikanische Staatsanleihen das Angebot kaum mehr verdauen, die Preise bzw. Kurse fielen drastisch, die spiegelbildlichen Renditen schössen in die Höhe, und die USA stürzten in eine Finanzkrise.

Allein, so einfach ist es nicht. Weil der Dollar die globale Reservewährung ist und amerikanische Staatsanleihen zu den sichersten Wertpapieren überhaupt zählen, ist der Markt für US-Staatspapiere riesig und sehr liquide. Es bedürfte also schon massiver Verkäufe seitens der Chinesen, um tatsächlich starke Kurs- bzw. Zinseffekte herbeizuführen. Diese würden dann allerdings auch die noch verbliebenen Bestände Chinas entwerten. Zudem könnte – und würde sicherlich – die amerikanische Notenbank intervenieren und Anleihen ankaufen.

Eben weil US-Staatsanleihen als so sicher gelten, sind sie vor allem in Krisenzeiten begehrt. Ein völlig eskalierender Wirtschaftskrieg zwischen China und den USA dürfte die weltweite Nachfrage nach den Papieren insoweit stark steigen lassen, sodass deren Kurse am Ende trotz chinesischer Verkäufe eher noch zulegen könnten. Als die Rating-Agentur Standard & Poor’s 2011 Amerikas Bonitätsnote gesenkt hatte – ironischerweise mit Verweis auf steigende Schulden und einen funktionsgestörten Politikbetrieb – flüchteten Anleger in US-Papiere und drückten die Rendite für zehnjährige Anleihen um mehr als einen Prozentpunkt nach unten. Das heißt: In unsicheren Zeiten steigt der Appetit nach amerikanischen Staatsanleihen nochmals an, auch wenn die USA selber der Grund für die zunehmende Unsicherheit sind!

Neben dem Einfluss auf Kurse und Zinsen sind Wechselkurseffekte zu beachten. Würde China seine Dollar-Erlöse aus dem Verkauf von US-Staatspapieren zurück in Yuan tauschen, wertete die Währung auf, was die Exporteure des Landes träfe. Würden die Dollar-Erlöse hingegen in andere Währungen umgetauscht, etwa in Euro oder Yen, wären diese mit unerwünschten Aufwertungen konfrontiert. Auch hier wäre dann mit Gegenreaktionen zu rechnen.

In den letzten Jahren stand der Yuan tendenziell unter Abwertungsdruck. Die jüngeren Verkäufe von US-Staatsanleihen durch die chinesische Zentralbank (und die anschließende Abgabe von Dollars (gegen Yuan) an Investoren) haben insoweit wohl eher dem Ziel gedient, den Prozess einigermaßen geordnet zu steuern, und sind nicht gemeint, einen Währungskrieg loszutreten. Immerhin hat die Führung der Volksrepublik ja vor kaum etwas mehr Angst als vor Instabilität im Finanzsektor.

Die globale Dominanz des US-Dollars ist heute noch unangefochten. Wenn die USA wollen, dass das so bleibt, sollten sie diesen Vorteil nicht allzu sehr ausspielen und Handelspartner nicht drangsalieren. Wenn China will, dass sich das ändert und seine eigene Währung zu einer echten Alternative wird, dann braucht es offene Märkte, freien Kapitalverkehr, Transparenz im Finanzsektor und Rechtsstaatlichkeit.

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