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17.08.2021

Europäische Gemeinschaftswährung

Als vor gut zwei Jahrzehnten der Euro eingeführt wurde, fragte sich manch einer, ob die europäische Gemeinschaftswährung – als erste in der Nachkriegsära – den US-Dollar als globale Reservewährung herausfordern könnte. In den ersten Jahren sah es zeitweilig tatsächlich danach aus.

So wurde der Euro bis 2007 die beliebteste Valuta, wenn es darum ging, sich in Fremd¬währung zu verschulden. Mit der Finanzkrise und der darauffolgenden Euro-Schuldenkrise war es mit den Ambitionen der Gemeinschaftswährung dann allerdings schlagartig vorbei. Unter internationalen Investoren fand schnell eine Rückbesinnung auf den Dollar statt. Erinnerlich stand zwischenzeitlich sogar die Existenz der europäischen Einheitswährung auf dem Spiel.

Heute sehen die Verhältnisse wie folgt aus: Der Euro ist in insgesamt 19 Staaten gesetzliches Zahlungsmittel. Zwar koppeln rund zwei Dutzend weiterer Länder ihre eigenen Währungen in der einen oder anderen Form an den Euro, und wertmäßig zirkulieren zwischen einem Drittel bzw. der Hälfte aller Euro-Banknoten außerhalb des Währungsgebiets. Aber was die Anteile an den globalen Währungsreserven sowie grenzüberschreitenden Krediten anbelangt, kommt der Euro jeweils nur auf ein Fünftel, wohingegen der Dollar es auf Quoten von je 60 Prozent bringt. Immerhin liegt der Euro im internationalen Zahlungsverkehr fast gleichauf. Hier bewegt sich sein Anteil knapp unter 40 Prozent und der des Dollars etwas darüber. Rohstoffe – vor allem Öl – werden dagegen in der US-Währung fakturiert.

Allerdings könnten zwei aktuelle Entwicklungen die relative Bedeutung des Euro in der Welt wieder stärken. Zum einen ist da der Schwenk in der US-Außenwirtschaftspolitik, den Präsident Trump losgetreten hatte. Seine Zölle und Sanktionen haben viel Vertrauen gekostet und sehr deutlich gezeigt, wie verwundbar die Abhängigkeit vom Dollar macht. Man denke nur an die amerikanischen Sanktionen gegen Iran, welche die Europäer damals nicht wollten, letztlich aber doch befolgen mussten. Wer kann sich gegenwärtig schon erlauben, den Zugang zum amerikanischen Markt und Finanzsystem aufs Spiel zu setzen?

Zweiter Faktor ist die Corona-Pandemie, oder besser: die Reaktion darauf. Anders als nach der Finanzkrise haben diesmal – neben der EZB – auch die Regierungen der Eurozonenländer schnell und angemessen reagiert. Mehr noch: Mit dem europäischen Wideraufbaufonds wurde ein Instrument geschaffen, für das die Mitgliedsstaaten jetzt erstmals mit Gemeinschaftsschulden einstehen und damit auch fiskalisch etwas näher zusammenrücken. An den Kapitalmärkten kommt das gut an, was dem Euro wieder mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauen gebracht hat.

Freilich bleiben Hindernisse. So ist die Begebung von Gemeinschaftsanleihen auf das Next-Generation-EU-Projekt beschränkt und damit (bis 2026) befristet. Anlegern, die in EU-Bonds investieren wollen, steht ein Emissionsvolumen von weniger als einer Billion Euro zur Verfügung – verglichen mit 20 Billion Dollar an ausstehenden US-Anleihen. Der Weg zu einer wirklichen Fiskalunion bleibt weit, wenn er denn überhaupt gewollt werden wird. Auch Banken- und Kapitalmarktunion sind lange nicht vollendet. Insoweit bleibt eine neuerliche Euro-Krise stets im Bereich des Möglichen.

Der Euro wird den Dollar sicherlich nicht als Welt-Reservewährung ablösen. Er könnte aber dazu beitragen, das globale Finanzsystem insgesamt besser auszubalancieren (Stichwort: Diversifizierung). Das wäre dann auch eine Art Rückkehr zur Norm vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals herrschte ein System multipler Währungen vor, in dem Dollar, Pfund und französischer Franc gemeinsam dominierten.  

Dr. Andreas Gontermann

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