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24.06.2021

Wirtschaftswachstum: USA versus Europa

Im Zeitraum von 2000 bis 2007 sind die Vereinigten Staaten von Amerika mit einer jahresdurchschnittlichen Rate von zweieinhalb Prozent gewachsen. Die Europäische Union – ohne Großbritannien – brachte es hier auf gut zwei Prozent. Stellt man das höhere US-Bevölkerungswachstum in Rechnung, so verlief die Entwicklung der jeweiligen Sozialprodukte also recht ähnlich.

Mit der Finanzkrise kam der Bruch. Seitdem fällt das Wirtschaftswachstum in Europa chronisch schwächer aus als in den USA. Kurz vor Ausbruch der globalen Corona-Pandemie lag das BIP der EU lediglich um zwölf Prozent höher als 2007, in den Vereinigten Staaten dagegen um 22 Prozent. Die 2020er Rezession fiel in der EU mit einem Minus von mehr als sechs Prozent fast doppelt so heftig aus wie in den USA, wo die Wirtschaftsleistung um dreieinhalb Prozent zurückging. Auch die Erholung in diesem sowie im nächsten Jahr dürfte in Amerika insgesamt kräftiger daherkommen als in Europa. So sollte die US-Wirtschaft 2021 um über sechs Prozent und damit ganze zwei Prozentpunkte mehr zulegen können als die der Europäischen Union.

Kaufkraftbereinigt lagen die Sozialprodukte in der EU und den USA im Jahr 2000 noch in etwa gleichauf. Anfang 2021 war das BIP in Europa nach dieser Messlatte dann aber sieben Prozent kleiner als in Amerika.

Dass die EU den USA beim Wachstum hinterherhinken müsste, ist dabei alles andere als in Stein gemeißelt. Denn weil Europa sowohl politisch wie wirtschaftlich als auch kulturell weniger integriert ist als Amerika, liegt hier eigentlich noch großes Potenzial. So beträgt etwa das Pro-Kopf-BIP in Bulgarien, dem ärmsten EU-Land, gerade einmal ein Viertel des Niveaus in Mississippi, dem Schlusslicht unter den US-Bundesstaaten.

Allerdings wächst die europäische Bevölkerung nicht nur langsamer als die amerikanische, sie altert auch schneller. Von 2016 bis 2020 sind die Bruttoanlageinvestitionen in den USA um ein Prozent p.a. gestiegen. Das ist nicht viel, aber in der EU waren sie rückläufig. Das US-Produktivitätswachstum liegt höher als das in Europa. Zudem legen Krisen immer wieder offen, dass die makroökonomischen Institutionen in der EU weiterhin unzulänglich sind.

Schließlich tun die USA fiskalpolitisch einfach mehr als die Europäer – obgleich die Staatsschuldenquote in den USA deutlich höher ist als in der zusammengenommenen EU. Die bisherigen amerikanischen Hilfspakete zur Bewältigung der Corona-Krise – etwa drei Billionen Dollar im Frühjahr 2020, eine Billion Dollar im Dezember 2020 und zwei Billionen Dollar im März 2021 – beliefen sich auf gut ein Viertel des Sozialprodukts. Und weitere Pakete für Infrastruktur, Familien und Soziales sind bereits geplant.

Im Gegensatz dazu nehmen sich die Mittel des EU-Wiederaufbaufonds vergleichsweise bescheiden aus. Mit 750 Milliarden Euro entsprechen sie nur sechs Prozent des 2020er BIPs. Die Auszahlung der Gelder – in Form von Zuschüssen und Krediten – ist an Auflagen gebunden. Zudem soll sie schwerpunktmäßig erst in den Jahren 2023 und 2024 erfolgen. Ende 2022 dürfte erst ein Viertel der Mittel verteilt sein. Das birgt auch die Gefahr, dass die Hilfen letztlich prozyklisch wirken könnten. In Deutschland hat sich kürzlich wieder einmal das Bundesverfassungsgericht mit dem gesamteuropäischen Hilfskonstrukt beschäftigen müssen. Das ruft in Erinnerung, dass es nach wie vor keinen wirklichen Konsens darüber gibt, wie weit die fiskalpolitische Integration in Europa am Ende eigentlich gehen soll.     

Dr. Andreas Gontermann

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