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30.08.2021

„Am Ende zählt, was auf dem Teller ist“

Das Digitale muss dem analogen Leben dienen, nicht umgekehrt. Dr. Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter von Miele, ist davon überzeugt, dass smarte Software-Lösungen zwar das Leben verbessern, aber längst nicht alles technisch Mögliche auch sinnvoll ist.

Chefsache

„Am Ende zählt, was auf dem Teller ist“

Das Digitale muss dem analogen Leben dienen, nicht umgekehrt. Dr. Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter von Miele, ist davon überzeugt, dass smarte Software-Lösungen zwar das Leben verbessern, aber längst nicht alles technisch Mögliche auch sinnvoll ist.

Herr Dr. Zinkann, während der Corona-Pandemie haben Millionen Deutsche ihr Heim renoviert. Was haben Sie im Lockdown gemacht?

Wir haben unseren Garten neugestaltet und einen lang geplanten Anbau realisiert. Hat gedauert, aber nun sind wir fast fertig.

Für viele Menschen hat das Zuhause eine neue Bedeutung bekommen. Ist dieser Trend von Dauer?

Auf jeden Fall wird er uns noch eine ganze Weile begleiten. Die Pandemie ist nicht vorbei, und grundsätzlich bleibt die Gefahr, die von jeglicher Art Virus ausgeht, in unserer globalisierten Welt höher denn je. Dadurch könnte es schon zu einem dauerhaften Umdenken und einer neuen Werteskala kommen nach dem Motto: weniger außen, mehr innen. Viele Menschen haben in der Pandemie aber auch einfach gemerkt, wie schön es zuhause sein kann. Aber damit es dort schön ist, muss man es sich auch schön machen.

Geht damit eine Wiederaufwertung des Besitzes einher?

Menschen streben immer danach, Besitz zu erwerben. Das gilt erst recht für Zeiten, in denen Geldvermögen nicht verzinst wird und sich so eine schleichende Geldentwertung vollzieht. Dennoch gibt es auch Raum für andere Geschäftsmodelle, etwa „pay per use“ für Lebensphasen, in denen man für einige Zeit an einem anderen Ort wohnt, trotzdem aber eine gute Waschmaschine oder moderne Kochgeräte im Haus haben will. 

Waschmaschinen aus Ihrem Haus werden auf eine Mindestlebensdauer von 20 Jahren getestet. Wie passt so etwas in eine schnelllebige Zeit, in der neue Funktionen vor allem durch digitale Vernetzung realisiert werden?

Es ist schlicht nachhaltiger, elektronische Geräte möglichst langlebig zu gestalten, und Langlebigkeit ist Teil des genetischen Codes von Miele. Ebenso unverzichtbar ist aber der Einsatz neuester Technologien. Die elektronischen Steuerungen unserer Produkte lassen sich per Software-Update nachrüsten. Früher musste man ein neues Gerät kaufen, wenn man eine neue Funktion nutzen wollte. Heute lassen sich etwa bei hochwertigen und langlebigen Waschmaschinen neue Waschprogramme nachträglich aufspielen – auch für Textilien, die wir heute womöglich noch gar nicht kennen. 

 

Aber alles selber machen ist doch in einer Smart-Home-Umgebung unmöglich.

Absolut richtig, und deshalb stellt unsere Elektronikentwicklung übergreifend sicher, dass unsere Geräte und Services über offene Schnittstellen etwa mit Sprachboxen oder Lieferanten von Lebensmitteln kompatibel sind. So beginnt etwa der Kochkreislauf mit der Frage, was genau ich überhaupt kochen möchte, gefolgt von Einkauf, Vorbereitung, Garprozess und Anrichten. Dann wird gegessen und am Schluss das Geschirr gespült und der Frage nachgegangen, was sich mit übrig gebliebenen Zutaten anstellen lässt. Für all dies gibt es smarte Funktionen, die den Alltag erleichtern und für noch mehr Genussvielfalt sorgen. Vieles davon können wir aus eigener Kompetenz abdecken, etwa über unseren Kompetenzbereich Smart Home/Electronic mit mehr als 1.000 eigenen Spezialistinnen und Spezialisten. Für Lösungen außerhalb unseres bisherigen Stammgeschäfts haben wir eine eigene Business Unit gegründet, die „New Growth Factory“. Dort beschäftigen wir uns mit ganz neuen Themen wie einer Rezepte-App oder einem Gewächshaus für zuhause und bieten eine Landebahn für solche Ideen, die sich dort in aller Ruhe weiterentwickeln können. Und natürlich arbeiten wir weiter auch mit externen Partnern zusammen. 

Wie smart wird denn in Zukunft gekocht?

Das hängt unter anderem davon ab, welchen Kulturkreis wir betrachten. Deshalb muss man sich der Frage zunächst regional nähern. Weitere wesentliche Unterschiede im Kundenverhalten ergeben sich aus Alter und Familienstand. Und nicht zuletzt spielt es eine entscheidende Rolle, ob wir einen Haushalt auf dem Land oder in der Großstadt betrachten. In New York wird manch teurer Herd nur einmal im Jahr verwendet, um am Erntedankfest den gelieferten Truthahn aufzuwärmen. Gleichzeitig ist das Kochen für immer mehr Menschen eine Leidenschaft, für die sie die bestmögliche Technik einsetzen wollen. Die eine smarte Lösung für alle gibt es deshalb nicht. Der Trend geht jedoch in Richtung intelligente Assistenzsysteme, Sprachsteuerung, Einbindung von Künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit, etwa mit Blick auf weniger Verschwendung durch Wegwerfen von Lebensmitteln.

Wenn Ihre Geräte alle vernetzt sind und Ihre Apps beim Kochen assistieren, dann kennen Sie das Koch- und Essverhalten einzelner Kunden doch genau. Nutzen Sie die Daten?

Das Schwierige daran ist aus heutiger Sicht die ungeheure Datenflut, die man dafür auswerten müsste. Aber natürlich schauen sich unsere Produktentwickler genau an, wie unsere Geräte genutzt werden. Das geht übrigens nicht nur bei vernetzten Geräten, sondern bei allen klassischen Großgeräten mit elektronischer Steuerung auch über den Kundendienst. Trotzdem werden wir den Weg in die Zukunft nicht finden, wenn wir uns ausschließlich auf Daten aus der Vergangenheit verlassen. Aber kombiniert mit den aktuellen Trends und den Ideen unserer Entwickler und Designer geben Daten wichtige Impulse.

 

Was sollte man als Hersteller im Umgang mit solchen Daten beachten?

Zunächst einmal muss klar sein, dass die strikte Einhaltung der Bestimmungen zum Datenschutz erste Priorität hat. Dies vorausgesetzt, macht es natürlich einen Unterschied, ob man nur Maschinendaten ausliest oder diese auch konkreten Personen zuordnet, möglicherweise sogar ein detailliertes Nutzerprofil erstellt. Miele wertet Daten grundsätzlich nicht personenbezogen aus. Bei der anonymisierten Auswertung, etwa wie oft Kochfelder genutzt werden, brauchen meiner Meinung nach nicht so enge Grenzen gezogen werden. Ich glaube, dass die Selbstregulierung von Märkten in diesem Punkt funktioniert, sprich, dass die Kundinnen und Kunden mit den Füßen abstimmen. Wer ein Smartphone intensiv nutzt, wird wahrscheinlich auch damit einverstanden sein, dass seine Waschmaschine die Anzahl der Schleudergänge speichert und der Hersteller das nachvollziehen kann.

Wie viele andere Elektrounternehmen macht Miele mittlerweile weniger als ein Drittel seines Umsatzes in Deutschland. Inwieweit kann man da smarte, auf das Leben der Menschen passende Lösungen noch hierzulande entwickeln?

Wir haben Scouts in allen Märkten, die sehr aufs Detail achten, auch und gerade mit Blick auf die regionalen Bedürfnisse und Gewohnheiten der Kundinnen und Kunden, angefangen mit der Gestaltung der Geschirrspülerkörbe oder der Automatikprogramme im Backofen. Denn ansonsten kann in der Tat einiges schiefgehen. Auch die Größe eine Gerätes kann entscheidend sein, etwa mit Blick auf den bereits erwähnten Thanksgiving-Truthahn in den USA. Für eine intelligente Produktlösung muss beides stimmen: Software und Hardware.

„Für eine intelligente Produktlösung muss beides stimmen: Software und Hardware.“

Dr. Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter Miele

Könnte es auch sein, dass nach der Pandemie die Sehnsucht nach dem Analogen so stark wird, dass kein Mensch mehr etwas von smarten Produkten hören will?

Zunächst einmal hat Corona uns noch einmal vor Augen geführt, wie komplex die Situation im Homeoffice ist. Für viele lassen sich Beruf und Privates nur noch schwer trennen, was leicht zu Überbelastung führt. Hier hilft das Digitale dabei, Arbeit abzunehmen, von der Online-Bestellung über die Automatisierung von Garprozessen und der Kamera im Backofen bis zum Signal, dass die Wäsche trocken ist. Man spart Zeit, indem man sich Aufwand vom Hals schafft. So hat Corona auf die Digitalisierung unseres Alltags wie ein Booster gewirkt, und vieles, was sich aus der Not heraus bewährt hat, wird bleiben. Diese Uhr wird sich nicht wieder vollständig zurückdrehen. Die spannende Frage ist, wie sich dies unter den Bedingungen des vielzitierten „New Normal“ einpendeln wird. Sicher wird es aber auch nach der Pandemie immer Menschen geben, die analoge Technologien den smarten Geräten vorziehen. 

Lassen Sie ab und an auch wieder etwas weg?

Ja, natürlich. Wenn wir wahrnehmen, dass bestimmte Funktionen von den Kundinnen und Kunden nicht oder nicht mehr nachgefragt werden, dann würden wir diese in weiteren Updates auch nicht mehr verfolgen. Es geht schließlich nicht um das technisch Machbare, sondern um den praktischen Kundennutzen. Am Ende zählt das Ergebnis, also das, was etwa auf den Teller oder aus der Waschmaschine kommt. 

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Zinkann.

 

Text: Johannes Winterhagen | Fotografie: Henning Ross

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.2021 am 25. August 2021 erschienen.

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