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ZVEI-News: auf den Punkt. 2/2026
28.04.2026
Gebäudemodernisierung: Die Energiewende ist ein Wachstumsprojekt!
Die jährlichen Energiekosten eines Standard-Eigenheims können im Schnitt um rund 80 Prozent sinken, wenn darin Wärmepumpe und PV statt eines Gasbrenners laufen. Die Energiewende am Gebäude ist ein Schlüssel für Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit, doch es braucht pragmatische Lösungen – und die richtigen Rahmenbedingungen, weiß Dr. Frank Meyer, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH und Mitglied des Engeren ZVEI-Vorstandes.

Die energie- und industriepolitische Debatte in Deutschland ist derzeit von Unsicherheit geprägt. Die fehlende Konstanz der politischen Rahmenbedingungen, wie sie sich bei der Diskussion zum GEG bzw. GMG gezeigt hat, eine schwache Konjunktur und geopolitische Spannungen sorgen für Zurückhaltung bei Investitionen. Gleichzeitig wächst der Druck zur Transformation – durch die Klimaziele, aber vor allem auch durch internationale Konkurrenz und technologische Entwicklungen.
Aus meiner Sicht liegt genau darin ein entscheidender Punkt: Wir sehen die Energiewende noch zu oft als Belastung. Tatsächlich ist sie aber eine der größten wirtschaftlichen Chancen für Deutschland und Europa. Dahinter stehen vor allem zwei Megatrends: Elektrifizierung und Digitalisierung – damit wird unsere Branche in den kommenden Jahren zur Schlüsselindustrie.
Transformation technologieoffen gestalten
597 Milliarden Euro. Das ist laut einer IW-Consult-Studie, die im Auftrag des BDI erstellt wurde, das mögliche Wertschöpfungspotenzial der Wachstumsmärkte Gebäude und Mobilität bis zum Jahr 2035. Darin enthalten sind Technologien wie die Wärmepumpe, industrielle Prozesswärme, alternative Antriebe und die Energie- und Netztechnik. Mit diesen Technologien können wir vom Ergebnis her denken, denn sie steigern Effizienz, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.
Ein Beispiel: Die jährlichen Energiekosten eines Standard-Eigenheims können im Schnitt um etwa 80 Prozent gesenkt werden, wenn anstelle eines Gasbrenners eine Wärmepumpe und zusätzlich eine Photovoltaikanlage zum Einsatz kommen, wie eine Studie von ZVEI und Fraunhofer ISI zeigt.
Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass es für den heterogenen deutschen Gebäudebestand nicht die eine Standardlösung gibt. Entscheidend ist, den Fokus auf pragmatische Lösungen zu legen, die uns schnell und sozialverträglich zum Ziel bringen. Der Status Quo ist, dass wir 19 Millionen fossil betriebene Heizungen ersetzen müssen. Wenn der Markt bei 300.000 abgesetzten Wärmepumpen im Jahr liegt, wie das im Moment der Fall ist, dann dauert die Wärmewende weit über 2045 hinaus. Fallen Investitionshemmnisse weg, beschleunigt sich der Austausch. Die Wärmepumpe ist dabei eine zentrale, aber nicht die einzige Lösung. Für Millionen unsanierte Gebäude sind Hybridheizungen eine essenzielle und praxistaugliche Brückentechnologie. Echte Technologieoffenheit ist hier eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit.
Konsistenz, Priorisierung und Weitblick
Damit die Energiewende ihr volles Potenzial als Wachstumsprojekt entfaltet, braucht es aus meiner Sicht daher drei Dinge:
- Erstens: Verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen. Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger investieren nur, wenn politische Ziele konsistent sind. Die fehlende politische Klarheit der letzten Jahre hat Investitionen verhindert und zu deutlichen Markteinbrüchen geführt.
- Zweitens: Eine klare Priorisierung des Hochlaufs klimaneutraler Technologien. Dazu gehört vor allem, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien nicht durch hohe Strompreise gebremst wird. Wettbewerbsfähige Energiepreise sind der wirksamste Hebel, um die Transformation zu beschleunigen.
- Drittens: Eine Industriepolitik, die den Wandel aktiv gestaltet. Öffentliche Mittel müssen gezielt auf Schlüsseltechnologien und deren Skalierung ausgerichtet werden. Vor allem aber müssen wir massiv in die Qualifizierung von Fachkräften und in zukunftsfähige Arbeitsplätze investieren, um unsere industrielle Stärke zu erhalten.
Deutschland und Europa haben alle Voraussetzungen, die Energiewende erfolgreich zu gestalten. Begreifen wir diese Transformation endlich als das, was sie ist: Eine Chance für Innovation, neue Wertschöpfung und nachhaltiges Wachstum, die wir nur in einem engen Dialog zwischen Politik und Wirtschaft gestalten können.
Genau über diese Lösungswege werde ich im Rahmen des kommenden eSummit 2026 mit Bundesumweltminister Carsten Schneider diskutieren. Ich lade Sie herzlich ein, bei diesem wichtigen Dialog dabei zu sein – am 20. und 21. Mai auf dem EUREF-Campus in Berlin.
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Autorenbild: Bosch