22.04.2026
Klimaneutrale Netze: „Deutschland ist kein Geisterfahrer“
Hohe Benzinpreise und geopolitische Krisen zeigen, wie verletzlich Deutschlands fossile Abhängigkeit ist. Warum es jetzt auf Elektrifizierung, schnellen Netzausbau und mehr Digitalisierung ankommt, erläutert Tim Holt Vorstandsmitglied von Siemens Energy und Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Energietechnik.

Wer in diesen Tagen an die Zapfsäule fahren muss, merkt schnell: Energie ist nicht nur ein technisches Thema – sie ist hochpolitisch. Globale Konflikte schlagen unmittelbar auf Preise und Versorgung durch, Diskussionen um Tankrabatte und die Freigabe von strategischen Ölreserven flammen wieder auf.
Das führt uns vor Augen, wie verletzlich ein System ist, das noch immer so stark auf fossile Importe angewiesen ist wie unseres in Deutschland.
Die gute Nachricht: Wir haben es selbst in der Hand, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Die Elektrifizierung ist der beste Hebel – und mit ihr der Erneuerbaren-Ausbau und insbesondere der strategische Netzausbau.
Die Konferenz „Klimaneutrale Netze 2026“ des ZVEI im März hat eines sehr klar gezeigt: Die Leistungsfähigkeit unseres Stromnetzes ist kein Nebenschauplatz der Energiewende – sie ist die Voraussetzung für Energiesouveränität, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.
Strombedarf wird weiter steigen
Diese Voraussetzung ist keine politische Geschmacksache, sondern strukturell begründet: Der Strombedarf wird weiter ansteigen. Denn immer mehr Industrieprozesse werden elektrifiziert, ebenso der Wärme- und der Mobilitätssektor. Zudem boomt die Künstliche Intelligenz: 144 Milliarden Euro an Wertschöpfungspotenzial stecken laut IW Consult für Deutschland in diesem Markt. Und KI braucht (viele) Rechenzentren, die wiederum viel und zuverlässigen Strom benötigen. Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung nimmt bis 2045 einen Zuwachs von 60 Terawattstunden an. Das entspricht einem Leistungszuwachs von durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr allein für diesen Bereich.
Unser Stromnetz muss in der Lage sein, diese Strommengen verlässlich zu transportieren. Von den großen Überlandleitungen bis zu den Hausanschlüssen. Statt aber mitzuwachsen, wird die Netzinfrastruktur immer wieder als Nadelöhr der Energiewende beschrieben – und ist es vielerorts auch. Derzeit besteht ein strukturelles Investitionsungleichgewicht: Für jeden Euro Erneuerbare fließen nur 40 Cent in die Netze. Notwendig wäre mindestens eine Quote von 1:1. Darum hat der ZVEI zuletzt die Deutschlandgeschwindigkeit beim Netzausbau gefordert. Denn hier geht es auch um die Grundlagen für Wirtschaftswachstum.
Bitte mit Weitblick!
Hinzu kommt: Der Ausbau unseres Stromnetzes ist in jeder Hinsicht „no regret“.Allein deshalb, weil es gerade auf Verteilnetzebene in erheblichem Umfang um Erneuerung und Modernisierung geht. Im Auftrag von BDEW und ZVEI hat die Universität Wuppertal errechnet, dass diese Maßnahmen 50 Prozent des Technologiebedarfs bis 2045 ausmachen werden, darunter 500.000 Transformatoren und über eine halbe Million Kilometer Kabel allein in der Niederspannung.
Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Blick in die Übertragungsnetze. Auch diese müssen basierend auf den aktuellen Netzentwicklungsplänen bis 2045 um fast die Hälfte des bestehenden Netzes erweitert werden.
Anders ausgedrückt: Wir müssen ohnehin an die Netze ran – dann aber bitte mit Weitblick!
Und das bedeutet auch: mehr Digitalisierung. Sie ist der Schlüssel, um Netzausbau effizient, bezahlbar und resilient zu machen. Dazu gehören unter anderem eine flächendeckende Netzzustandsüberwachung, der beschleunigte Smart-Meter- und Steuerungsrollout, ein kurativer Redispatch, digitale, einheitliche Netzanschlussverfahren sowie eine standardisierte Datennutzung in Nieder- und Mittelspannungsnetzen. So können wir Zeit gewinnen, Kosten senken – und vorhandene Infrastruktur besser nutzen.
Japan oder Südkorea sind schneller
Zudem geht es beim Netzausbau um mehr als Energiepolitik – es geht um Wettbewerbsfähigkeit.In der energiepolitischen Debatte entsteht derzeit immer wieder der Eindruck, Deutschland gehe einen Sonderweg. Die Energiewende und die Elektrifizierung seien zu ambitioniert, der Netzausbau zu groß gedacht – Deutschland ein „Geisterfahrer“.
Das ist falsch. Weltweit wird elektrifiziert. Länder wie Japan oder Südkorea, die wie Deutschland kaum über eigene fossile Ressourcen verfügen, gehen hier deutlich schneller voran. Sie konnten den Anteil von Strom am Endenergieverbrauch in den vergangenen 25 Jahren drei- bzw. viermal schneller erhöhen als Deutschland. Auch die USA und China investieren massiv in Stromnetzinfrastruktur, Erzeugungskapazitäten und Speicher.
Die eigentliche Frage ist also nicht, ob wir zu ambitioniert sind. Sondern, ob wir schnell genug sind, um den Anschluss bei der Elektrifizierung nicht zu verlieren.
Bei der Entwicklung und Umsetzung von Energiewende-Technologien sind Deutschland und Europa gut aufgestellt, in vielen Bereichen sogar führend. Umso wichtiger ist, welche Signale wir jetzt senden. Die Bundesregierung steht in der Verantwortung, Klarheit und einen verlässlichen Investitionshorizont zu schaffen – für die Hersteller, die Netzbetreiber, die Endverbraucher. Netzengpässe löst man nicht, indem man Erzeugung, Speicher und Netze gegenseitig ausbremst. Sondern durch konsequenten Ausbau, Digitalisierung und damit Planungssicherheit für Investitionen.
Das alles zeigt: Für eine erfolgreiche Transformation sind alle Akteure im Energiesystem sind gefordert: Industrie, Netzbetreiber, Politik und Gesellschaft. Zusammenarbeit ist dabei kein weicher Faktor, sie ist systemkritisch. Das wurde auch bei der ZVEI-Konferenz in Düsseldorf nochmals deutlich. Eine frühe Abstimmung bei Netzprojekten, regionale Dialoge zu Technikbedarfen und Kooperation bei kritischen Infrastrukturen sind entscheidend für Tempo und Akzeptanz.
Gleichzeitig braucht es den Mut, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln. Ein klimaneutrales Energiesystem funktioniert nicht nach den Logiken des bestehenden Systems. Strukturen, Prozesse und Regulierungslogiken wie die Umsetzung des Paragraphen 14a EnWG, die Steuerung durch Netzbetreiber, Qualitätsregulierung oder Regional- und Netzszenarien müssen weiterentwickelt werden. Und auch technisch gilt: Mehr Harmonisierung und gemeinsame Standards sind kein „nice-to-have“. Sie sind Voraussetzung für Skalierung, stabile Lieferketten und Geschwindigkeit.
Jetzt zählt Konsequenz
Kein Zick-Zack-Kurs. Keine Absenkung des Ambitionsniveaus. Keine Scheindebatten über vermeintliche Abkürzungen. Sondern: Tempo, Planungssicherheit und ein klarer Fokus auf Netzausbau und Digitalisierung. Die Energiewende ist längst Realität, Deutschland ist kein globaler „Geisterfahrer“. Die Technologien sind da. Industrie und Netzbetreiber ziehen an einem Strang.
Klimaneutrale Netze sind die infrastrukturelle Grundlage für Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum in Deutschland und Europa – und nicht zuletzt Resilienz. Und genau jetzt entscheidet sich, ob wir diesen Anspruch auch einlösen.
Bild: MARIMA - stock.adobe.com
Autorenbild: ZVEI/Gene Glover