Allgemein

26.10.2023

Acht Dinge, die Europa vor der Einführung wiederverwendbarer Verpackungen wissen sollte

Die für den 20. November 2023 vorgesehene Abstimmung über die europäische Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) nähert sich den letzten Verhandlungsschritten im Parlament. Der Kernvorschlag zur Einführung von Mehrwegverpackungen muss jedoch noch einem Realitätscheck unterzogen werden, um zu prüfen, ob dies aus Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten heraus überhaupt sinnvoll ist.

Die Europäische Kommission hat im November 2022 ihren Verpackungsvorschlag vorgelegt, der darauf abzielt, unnötige Verpackungen einzusparen und Wiederverwendung und Recycling von Verpackungen zu fördern. Nach dem Gesetzentwurf müssen bis 2030 zehn Prozent aller innerhalb der EU versendeten Waren in wiederverwendbaren Verpackungen transportiert werden, wobei für Haushalt-Großgeräte ein Anteil von bis zu 90 Prozent angestrebt wird.

Jede Verpackung für Haushaltsgroßgeräte erfüllt einen Zweck: Sie soll das Produkt in den Lagern und während des Transports vor physischen Schäden und Feuchtigkeit schützen sowie sicherstellen, dass es in einem guten Zustand beim Verbraucher ankommt.

Die Wiederverwendbarkeit von Verpackungen wurde als Lösung für die Minimierung von Abfällen durch die EU-Kommission hervorgehoben. Ihre Einführung würde allerdings einen Systemwechsel für Hersteller, Einzelhändler und Verbraucher bedeuten, der die Entwicklung einer neuen Rückwärtslogistik, Produktdesigns, Investitionen in neue Produktionsschritte oder sogar komplette Linien erforderlich machen würde. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, die wirtschaftlichen Folgen und Auswirkungen auf die Umwelt zu verstehen.

1. Die Nachhaltigkeit von Mehrwegverpackungenmuss anhand realer Szenarien getestet werden, um das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu bewerten. Die Abstimmung des Industrieausschusses des Europäischen Parlaments (ITRE) im vergangenen Juli markierte einen wichtigen Wendepunkt, da anerkannt wurde, dass wiederverwendbare Verpackungen nur dann eine Option sein sollten, wenn sie das beste Gesamtergebnis für die Umwelt liefern. Denn nur wenn die Umweltvorteile von Mehrweglösungen unter realen Bedingungen getestet werden, kann auch festgestellt werden, ob sie zu einem nachhaltigeren Preis für die Umwelt zu haben sind oder nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt wurde jedoch noch keine Folgenabschätzung zur Bewertung von Kosten und Nutzen durchgeführt.

2. Da wiederverwendbare Verpackungen eine standardisierte Auswahl an Kartons bedeuten, würde die Zahl der Überverpackungen zunehmen – zusammen mit zusätzlichen Kosten und erhöhten CO2-Emissionen aufgrund von Ineffizienzen bei Verladung und Transport. Elektro-Haushalt-Großgeräte gibt es in einer Vielzahl von Formen und Größen. Daher kann dieselbe Verpackung nur für dasselbe Produkt in demselben Modell und von derselben Marke wiederverwendet werden. Bei Kühlschränken nimmt bspw. das gleiche Modell mit integriertem Griff weniger Volumen ein als ein Kühlschrank mit einem Außengriff. Solche Überlegungen bestimmen das Verpackungsdesign, um einen sicheren Transport zu gewährleisten.

3. Für Elektro-Haushalt-Großgeräte gibt es keinen Unterschied zwischen Transport- und Verkaufsverpackungen. Von der Produktionslinie bis zur Haustür bleiben die Haushaltsgeräte original verpackt. Aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichts wird die Verpackung sorgfältig entworfen, um sicherzustellen, dass das Produkt den mechanischen und klimatischen Bedingungen standhält, denen es während des Transports und der Lagerung ausgesetzt sein kann, bevor es beim Endverbraucher ankommt. Die Definition von Transportverpackungen sollte daher in den vorgeschlagenen Rechtsvorschriften überarbeitet werden, um Verpackungen zu bezeichnen, die die Handhabung und den Transport von mehr als einer Verkaufseinheit erleichtern.

4. Die Verpackung ist ein wesentlicher Bestandteil des Produktdesigns. Ingenieure und Designer für Haushaltsgeräte arbeiten zusammen, um sicherzustellen, dass die Verpackung nicht nur das Produkt während des Transports schützt, sondern auch die Nachhaltigkeitsziele erfüllt, den Abfall reduziert und die geltenden Gesetze einhält. Größe, Form und Struktur der Verpackung werden optimiert, um eine effiziente Logistik und Lagerung zu gewährleisten und gleichzeitig den Materialverbrauch zu minimieren. Zusätzlich zu den Umweltaspekten stellt jede hinzugefügte Schicht für die Unternehmen Skalierungskosten dar und wird daher sorgfältig auf ihren Zweck hin geprüft.

5. Die Verpackungen werden ausgiebig getestet, um die mechanischen und klimatischen Bedingungen nachzubilden, denen die Produkte während des Transports ausgesetzt sein können. Dazu gehören u.a. Drucktests an allen Kanten, Falltests aus verschiedenen Höhen, Rangier-, Stapel-, Druck-, Vibrations- und Feuchtigkeitstests. Auf diese Weise können Experten auf der Grundlage der Testergebnisse geeignete Schutzniveaus ermitteln und die Menge an Verpackungsmaterial abschätzen, die zum Schutz des Produkts erforderlich ist. Das von Europa vorgeschlagene Modell der Wiederverwendbarkeit von Verpackungen wurde als Lösung zur Abfallvermeidung angepriesen. Für den Hausgerätesektor gibt es jedoch bereits ressourceneffiziente Lösungen, die unter realen Bedingungen geprüft wurden.

6. Mehrweg-Transportverpackungen würden zu einem Anstieg der Emissionen um zehn bis 40 Prozent führen, wie eine Studie von McKinsey zeigt – und damit die Emissionen von Einwegprodukten übersteigen. Bei einem System der Wiederverwendbarkeit müssen die Verpackungen nach jedem Umlauf gesammelt und zurückgebracht werden, was weitere Emissionskosten verursacht. Die Verpackung einer Waschmaschine, die von einer Fabrik in Deutschland zu einem Einzelhändler oder Verbraucher in Malta versandt wird, müsste eingesammelt und nach Deutschland zurückgeschickt werden, wobei auf dem Weg dorthin Emissionen entstehen.

7. Mehrweg-Transportverpackungen könnten zu einem erhöhten Ressourcenverbrauch führen. Nach dem Auspacken durch die Verbraucherinnen und Verbraucher muss die Verpackung eingesammelt, inspiziert, gereinigt und für die Wiederverwendung repariert werden, bevor sie an das Produktionszentrum zurückgeschickt wird, was zu einem erhöhten Ressourcenverbrauch einschließlich Wasser, Energie und CO2-Emissionen führt.

8. Nicht alle Teile von Mehrweg-Transportverpackungen können wiederverwendet werden. Wenn die Verpackung bei Einzelhändlern oder Privatpersonen zu Hause ankommt, können einige Teile beim Auspacken beschädigt werden und sind dann nicht mehr verwendbar. Beispiele hierfür sind Umhüllungen und Bänder, die normalerweise von der Verpackung abgerissen werden und technisch nicht wiederverwendet werden können.

 

Die Abstimmung im Plenum des EU-Parlamentes ist auf den 20. November datiert. Der neue Gesetzesentwurf bietet die Gelegenheit, eine europäische Antwort auf ein globales Problem zu geben, indem er einen harmonisierten Binnenmarkt fördert und gleichzeitig die Herausforderungen und Grenzen anerkennt, die angegangen werden müssen, um seinen Erfolg zu gewährleisten und zu vergrößern. 

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