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31.05.2023

Traut Euch!

Deutschland und Europa könnten im internationalen KI-Wettrennen viel besser dastehen, meint Professor Kristian Kersting. Allerdings müssten Wirtschaft und Politik das Thema viel stärker in die Breite der Gesellschaft tragen. Und einen einzigartigen europäischen Datenschatz heben.

Beste Praxis

Traut euch!

Deutschland und Europa könnten im internationalen KI-Wettrennen viel besser dastehen, meint Professor Kristian Kersting. Allerdings müssten Wirtschaft und Politik das Thema viel stärker in die Breite der Gesellschaft tragen. Und einen einzigartigen europäischen Datenschatz heben.

 

Kristian Kersting hat einen Traum: einen Ort mitten in der Stadt, an dem Menschen KI-Forschung hautnah miterleben können. „Unten könnte eine Ausstellung zum Thema sein, darüber dann die Forschenden, und in der nächsten Etage wäre Platz für Anwender aus der Industrie“, beschreibt der 49-jährige Informatik-Professor sein Idealbild eines öffentlich zugänglichen KI-Campus. Ein solcher Ort wäre auch die ideale Bühne, um eine seiner wichtigsten Botschaften zu transportieren: Deutschland und Europa können auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz ganz vorne mitspielen – wenn die Rahmenbedingungen passen.

Kersting muss es wissen, denn er gehört zu den führenden KI-Forschern des Landes. Er ist Leiter der Gruppe für maschinelles Lernen an der TU Darmstadt, Co-Direktor des hessischen Zentrums für Künstliche Intelligenz und wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz – der umtriebige erste Träger des Deutschen KI-Preises hat viele Hüte auf. Bei seiner Arbeit geht es um Grundfragen der KI: Wie können Computer mit weniger Hilfe des Menschen und weniger Daten lernen? Wie können sie mit komplexen Daten und unsicheren Datenbanken umgehen? Wie lässt sich vorhandenes Wissen nutzen? Und wie können Computer gemeinsam mit uns lernen?

Im weltweiten KI-Wettrennen mit China und den USA sieht Kersting Deutschland und Europa gut aufgestellt – zumindest bei den Köpfen in der Grundlagenforschung. So hätten Wissenschaftler aus Europa wesentliche Beiträge zum Roboterlernen, Textverständnis oder zur Maschinenethik geleistet. Jüngstes Beispiel: Im KI-gestützten Bildgenerator „Stable Diffusion“ stecken wichtige Ideen eines Kollegen aus München und seines eigenen Teams. Die Software erzeugt aus Textvorgaben Kunstwerke oder fotorealistische Bilder.

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Gerade die mitunter auch anstrengende Sprachenvielfalt Europas sieht Kersting als Stärke: „Damit Künstliche Intelligenz wirklich partizipativ ist und niemanden ausschließt, müssen wir von vornherein mehrsprachige KI-Modelle entwickeln.“ Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet ist das Heidelberger Start-up Aleph Alpha, dessen KI-Assistent Luminous fünf Sprachen beherrscht und laut Kersting ein „europäisches open.ai“ werden könnte – in Anspielung auf das US-Unternehmen, das hinter dem gehypten KI-Chatbot ChatGPT steckt, der Fragen beantworten, Texte auf menschlichem Niveau verfassen und sogar Computercode erzeugen kann.

Kersting hat sich als Investor an Aleph Alpha beteiligt und gibt sein Wissen auch anderweitig an die Industrie weiter. Gemeinsam mit dem Baukonzern Hochtief betreiben die Forschenden aus Darmstadt ein gemeinsames Labor, um KI in die Baubranche zu bringen. Mit dem Technologiekonzern ABB arbeiten sie daran, die Aufmerksamkeit von Menschen an Steuerpulten je nach Situation KI-gestützt optimal zu lenken. Und für den Finanzdienstleister Acatis suchen Kersting und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Algorithmen für bessere Investments. „Natürlich muss die Grundlagenforschung unabhängig bleiben – aber die Industrie hat tolle Probleme und Herausforderungen für uns“, sagt Kersting. „Wir kommen aber nur zusammen, wenn man regelmäßig miteinander redet. Ein Digitalgipfel einmal im Jahr reicht dafür einfach nicht aus.“

Genau darum wünscht er sich ein Ökosystem aus Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen, in dem man sich zufällig während der Kaffeepause über den Weg läuft, diskutiert und spontan neue Ideen entwickeln kann. „An einem solchen Ort könnte man den Studierenden auch früh klarmachen: Entrepreneurship ist etwas Gutes. Traut euch! Und wenn etwas schiefgeht, habt ihr für den nächsten Versuch viel gelernt.“ Das alleine reiche aber nicht – um die Begeisterung für KI in die Breite der Gesellschaft zu tragen, müssten Industrie und wissenschaftliche Vereinigungen viel offensiver für ihren Einsatz werben. Und der Staat müsse mehr investieren, beispielsweise in die Computer-Infrastruktur an den Universitäten. „Die guten Leute in unserem Bereich wollen die Welt verändern, wofür sie starke Rechner brauchen“, sagt Kersting. „Die durchschnittliche deutsche Uni ist hier aber blank. So kommt es, dass wir in Europa Studierende exzellent ausbilden – sie dann aber viel zu oft in die USA ziehen lassen müssen.“

Dabei stünde den jungen Talenten ein einzigartiger europäischer Datenschatz zur Verfügung: Durch den Wandel zu Industrie 4.0 hat die Industrie die Bedeutung von Daten früh erkannt. Das bietet die Chance, mit KI-Hilfe beispielsweise Fehlerursachen schneller zu finden oder die Resilienz von Prozessen zu verbessern (siehe auch "Eine Plattform für alle"). „Jetzt müssen wir klären: Wie kann man diese Daten übergreifend teilen, ohne IP oder Know-how preisgeben zu müssen?“, erklärt Kersting. „In einer Cloud könnte man Erfahrungswissen aus einer Branche in andere Bereiche übertragen, was auch völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen würde.“ Wie in der Biologie könne sich das „Industrial Genome“ auf diese Weise evolutionär immer weiter optimieren – am besten in einem KI-Campus und unter den Augen einer technikbegeisterten Öffentlichkeit.

 

Text Christian Buck | Foto Katrin Binner

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.2023 am 11. April 2023 erschienen.

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