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07.04.2026

"Innovation ist unsere DNA für das KI-Zeitalter"

Industrielle KI gilt als große Chance für die deutsche Industrie. Für Rainer Brehm, COO für Automatisierung und CTO bei Siemens Digital Industries, und Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, müssen aber regulatorische Vorgaben für die Datenverarbeitung in Fabriken vereinfacht werden.

Zwiegespräch

"Innovation ist unsere DNA für das KI-Zeitalter"

Industrielle KI gilt als große Chance für die deutsche Industrie. Für Rainer Brehm, COO für Automatisierung und CTO bei Siemens Digital Industries, und Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, müssen aber regulatorische Vorgaben für die Datenverarbeitung in Fabriken vereinfacht werden.

Herr Jarzombek, die Politik muss oft Kritik einstecken, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie geht. Jetzt können Sie sagen, was Unternehmen besser machen müssen, um die Chancen mit industrieller KI zu nutzen. 
Jarzombek: Ich bin eigentlich kein Fan davon, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber was wir uns von der Industrie wünschen, sind mehr Investitionen in eigene KI-Rechenpower. Wir haben die AI-Gigafactory-Initiative ins Leben gerufen. Das kann eigentlich aber keine staatliche Aufgabe sein. Wir hätten uns gewünscht, dass die Industrie selbst vorangeht und KI-Kapazitäten aufbaut. 

Brehm: Was KI im industriellen Kontext anbelangt, sehe ich noch dringlichere Aufgaben. Wir müssen erst mal die richtigen Algorithmen und die richtigen Large Language Models entwickeln, um die Datencenter zu füllen. Derzeit befinden sich noch zu viele Daten in Datensilos. Deshalb muss jede Firma sich überlegen, welche Datenstrategie sie verfolgen will. Bei Siemens sind wir massiv damit beschäftigt, Daten zugänglich zu machen. Dann muss man überlegen, welche Daten sinnvoll mit wem geteilt werden können und wie man sie im industriellen Kontext anwenden kann. Daraus ergeben sich völlig neue Chancen.


Worin bestehen konkret die großen Chancen mit industrieller KI?
Brehm: Wir müssen uns in Deutschland fragen, wo unsere Standortvorteile liegen. In der Industrie sitzen wir auf einem gewaltigen Datenschatz, den wir mit KI nun noch besser nutzen können. Für industrielle KI sind Daten nicht irgendwo im Internet zu finden. Sie liegen bei den Herstellern und Betreibern der Anlagen und müssen erst mal in sicheren Datenräumen bereitgestellt werden. Das geht nicht ohne Domänenwissen. Über dieses verfügen wir in Europa. Erst die Kombination aus Daten plus Domänenwissen plus KI-Technologie bringt Mehrwert. Da haben wir eine sehr gute Ausgangssituation, die wir auch nutzen müssen.

 

Die Frage ist, ob wir auch geeignete Rahmenbedingungen haben. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Civey zufolge hält es fast jedes zweite Unternehmen in Deutschland für sehr oder eher wahrscheinlich, dass es aufgrund der strengen EU-Vorschriften außerhalb der EU in KI-Anwendungen investieren wird. Wie will die Politik dieser Herausforderung begegnen, Herr Jarzombek? 
Jarzombek: Die Gefahr sehen wir auch. Deshalb hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz dafür stark gemacht, dass wir in Europa über das sogenannte Omnibus-Verfahren die Implementierung des EU AI Acts erleichtern. Damit wird es deutlich einfacher, Daten zu verarbeiten und KI-Anwendungen einzuführen. Aber wir führen weiterhin Diskussionen mit der Kommission. 


Worum geht es dabei?
Jarzombek: Es geht zum Beispiel um die Frage, ob eine Fabrik, die eine KI mit ihren Daten trainiert, im Sinne des EU AI Acts Anbieter oder Nutzer der KI ist. Unserer Ansicht nach dürfen in diesem Fall die höheren Regulierungsverpflichtungen des 
Entwicklers eines Sprachmodells nicht gelten. Wir müssen hier Unsicherheiten abbauen. Ich denke, dass Europa hier an vielen Stellen überreguliert.

Herr Brehm, wie stark behindern Sie die Fesseln, die Ihnen die Regulatorik umlegt?
Brehm: Herr Jarzombek hat eines der großen Probleme schon angesprochen: Viele dieser Acts zielen stark auf den Schutz der Konsumenten ab und bürden uns Regeln auf, die wir im B2B-Geschäft gar nicht brauchen. Ein weiteres Problem ist, dass viele Regularien gar nicht konsistent mit anderen existierenden Regeln sind. Und das dritte Problem spüren wir in Kooperationen mit Firmen aus den USA und aus China: Da wird immer mal schnell etwas ausprobiert. In Europa müssen wir dagegen erst überlegen, was mit den teilweise sich widersprechenden Regularien wie Datenschutzregeln, Data Act und AI Act überhaupt zu vereinbaren ist. Das hemmt Geschwindigkeit und Innovation.


Welche Forderungen an die Politik leiten Sie daraus ab?
Brehm: Ich glaube, wir müssen beim Thema AI Act überlegen, ob wir für den B2B-Bereich ein Moratorium verhängen und erst mal schauen, dass sich Hochrisiko-KI besser durch die Maschinenverordnung und deren Vorgaben in der Industrie regeln lässt. Denn die Maschinenverordnung berücksichtigt KI-Anwendungen und ist deutlich besser geeignet, spezifische Regelungen zu schaffen.


Herr Jarzombek, halten Sie ein solches Moratorium für realistisch?
Jarzombek: Wenn wir über die Verarbeitung von Daten in Fabriken reden, dann sage ich: Ja, das muss erleichtert werden. Aber wir können nicht alle Regulierungen über einen Kamm scheren. Es gibt Dinge, die muss der Gesetzgeber regeln. Dazu gehört die IT-Sicherheit. Wir haben erlebt, dass selbst in Elektrizitäts- und Wasserwerken Mindeststandards nicht erfüllt wurden, bis wir das IT-Sicherheitsgesetz gemacht haben. Ein anderes Beispiel für gute Regulierung ist der Digital Markets Act. Wenn wir über fairen Wettbewerb und digitale Souveränität reden, müssen europäische Firmen eine Chance haben und Technologiemonopolisten beschränkt werden.

Brehm: Da gebe ich Ihnen recht: Beim Thema Cybersicherheit brauchen wir gewisse Vorschriften. Aber die Frage ist, ob wir da nicht wieder zu weit gehen. Ein Wasserwerk muss geschützt sein. Man kann sogar sagen, Subsysteme in einem Wasserwerk müssen geschützt sein. Aber muss jeder Sensor, der in einem Wasserwerk eingebaut wird und zufällig eine Ethernet-Schnittstelle hat, reguliert sein? Da müssen wir eine Balance finden und überlegen, wo welcher Aufwand gerechtfertigt ist. 

Herr Brehm, wie attraktiv ist der Standort Deutschland für die Entwicklung von industrieller KI?
Brehm: Ich möchte eine Lanze für den Standort brechen. Wir sind immer noch eine große Wirtschaftsmacht und verfügen über etablierte, starke Ökosysteme. Zu diesen zählen auch viele Weltmarktführer aus dem Mittelstand. Wir haben es immer geschafft, uns durch Innovation zu differenzieren, wir waren nie Kostenführer. Innovation ist unsere DNA, und das müssen wir ins KI-Zeitalter übertragen. Dann schaffen wir es, produktiver zu werden. Das müssen wir aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels und weil wir weiterhin genau hier möglichst nah am Konsumenten produzieren wollen – weil es nachhaltiger und resilienter ist. Das geht nur mit mehr Automatisierung. Deshalb investieren wir bei Siemens z. B. eine halbe Milliarde in den Standort Erlangen und arbeiten dort stark an der KI-getriebenen Fabrik. 

Jarzombek: Die deutsche Industrie hat immer starke Wettbewerber gehabt, und jetzt kommt tatsächlich sehr viel Innovation aus China. Also müssen wir noch größere Anstrengungen unternehmen, um Qualitätsführer zu bleiben – aber nicht mehr nur beim Thema Hardware, sondern auch beim Thema Software. Das ist in der Vergangenheit vielleicht nicht genug beachtet worden. Da müssen wir aufholen. 
 

Machen Sie uns zum Abschluss des Gesprächs ein bisschen Mut: Warum wird industrielle KI eine deutsche Erfolgsgeschichte?
Brehm: Weil wir ein starkes Ökosystem aus Endkunden, Maschinenbauern und Automatisierungsherstellern sowie das Domänenwissen haben. Damit sind wir auch auf Augenhöhe mit den sogenannten Hyperscalern. Und es besteht die Notwendigkeit, erfolgreich zu sein, weil wir unsere Produktivität verbessern müssen. Ich bin überzeugt davon, dass die Weltmarktführer, die wir in Deutschland haben, Verantwortung übernehmen und die Zukunft gestalten werden. Denn diese wird über KI gestaltet. Damit kommt eine zweite Welle der Automatisierung, die völlig neue Möglichkeiten bringt. Industrielle KI kann einen Katalysatoreffekt für die gesamte Wirtschaft haben. Mit KI kommen wir auf einmal in die Skalierung – über die Nutzung von Daten, Agentensysteme usw. Wir haben in Deutschland und Europa das Potenzial, das alles zu gewährleisten.

Jarzombek: Deutschland ist einfach ein starker Industriestandort mit hervorragend ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir haben unsere Expertise und eine hohe Fertigungsqualität jahrzehntelang unter Beweis gestellt. Wenn wir diese Stärken mit digitalen Technologien kombinieren, und wenn wir bereit sind, Mut und Risiko an den Tag zu legen, sowohl auf der regulatorischen Seite mit Blick auf Brüssel als auch auf der unternehmerischen Seite mit Blick auf Investitionen, dann haben wir eine gute Chance, weiterhin führend auf den Weltmärkten zu sein.

Thomas Jarzombek ist CDU-Politiker und IT-Experte aus Düsseldorf. Seit 2025 ist er Parlamentarischer Staatssekretär für Digitales und Staatsmodernisierung. Zuvor war er Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt.
Rainer Brehm war von 2020 bis 2025 CEO Factory Automation bei Siemens Digital Industries. Seit Oktober 2025 ist er COO des Automation-Geschäfts von Siemens und CTO von Digital Industries. Der Elektroingenieur ist zudem Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Automation.

 

Text Michael Gneuss | Bild 1 ZVEI/Munir Werner, Siemens, Bild 2 ZVEI/ Munir Werner, Bild 3 Siemens

 

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe 2026 am 13. April 2026.

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