Herr Jarzombek, die Politik muss oft Kritik einstecken, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie geht. Jetzt können Sie sagen, was Unternehmen besser machen müssen, um die Chancen mit industrieller KI zu nutzen.
Jarzombek: Ich bin eigentlich kein Fan davon, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Aber was wir uns von der Industrie wünschen, sind mehr Investitionen in eigene KI-Rechenpower. Wir haben die AI-Gigafactory-Initiative ins Leben gerufen. Das kann eigentlich aber keine staatliche Aufgabe sein. Wir hätten uns gewünscht, dass die Industrie selbst vorangeht und KI-Kapazitäten aufbaut.
Brehm: Was KI im industriellen Kontext anbelangt, sehe ich noch dringlichere Aufgaben. Wir müssen erst mal die richtigen Algorithmen und die richtigen Large Language Models entwickeln, um die Datencenter zu füllen. Derzeit befinden sich noch zu viele Daten in Datensilos. Deshalb muss jede Firma sich überlegen, welche Datenstrategie sie verfolgen will. Bei Siemens sind wir massiv damit beschäftigt, Daten zugänglich zu machen. Dann muss man überlegen, welche Daten sinnvoll mit wem geteilt werden können und wie man sie im industriellen Kontext anwenden kann. Daraus ergeben sich völlig neue Chancen.
Worin bestehen konkret die großen Chancen mit industrieller KI?
Brehm: Wir müssen uns in Deutschland fragen, wo unsere Standortvorteile liegen. In der Industrie sitzen wir auf einem gewaltigen Datenschatz, den wir mit KI nun noch besser nutzen können. Für industrielle KI sind Daten nicht irgendwo im Internet zu finden. Sie liegen bei den Herstellern und Betreibern der Anlagen und müssen erst mal in sicheren Datenräumen bereitgestellt werden. Das geht nicht ohne Domänenwissen. Über dieses verfügen wir in Europa. Erst die Kombination aus Daten plus Domänenwissen plus KI-Technologie bringt Mehrwert. Da haben wir eine sehr gute Ausgangssituation, die wir auch nutzen müssen.
Die Frage ist, ob wir auch geeignete Rahmenbedingungen haben. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Civey zufolge hält es fast jedes zweite Unternehmen in Deutschland für sehr oder eher wahrscheinlich, dass es aufgrund der strengen EU-Vorschriften außerhalb der EU in KI-Anwendungen investieren wird. Wie will die Politik dieser Herausforderung begegnen, Herr Jarzombek?
Jarzombek: Die Gefahr sehen wir auch. Deshalb hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz dafür stark gemacht, dass wir in Europa über das sogenannte Omnibus-Verfahren die Implementierung des EU AI Acts erleichtern. Damit wird es deutlich einfacher, Daten zu verarbeiten und KI-Anwendungen einzuführen. Aber wir führen weiterhin Diskussionen mit der Kommission.
Worum geht es dabei?
Jarzombek: Es geht zum Beispiel um die Frage, ob eine Fabrik, die eine KI mit ihren Daten trainiert, im Sinne des EU AI Acts Anbieter oder Nutzer der KI ist. Unserer Ansicht nach dürfen in diesem Fall die höheren Regulierungsverpflichtungen des
Entwicklers eines Sprachmodells nicht gelten. Wir müssen hier Unsicherheiten abbauen. Ich denke, dass Europa hier an vielen Stellen überreguliert.