Europas KI-Chance liegt in den Fabriken
Während die Welt über Chatbots diskutiert, entscheidet sich Europas KI-Zukunft in der Industrie. Diese hat beste Voraussetzungen – wenn die Politik jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzt.
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Während die Welt über Chatbots diskutiert, entscheidet sich Europas KI-Zukunft in der Industrie. Diese hat beste Voraussetzungen – wenn die Politik jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzt.

Künstliche Intelligenz verändert, wie wir arbeiten, kommunizieren und produzieren. Der globale KI-Diskurs wird jedoch vor allem von Anwendungen aus den USA und China geprägt – von generativen Sprachmodellen bis zu digitalen Assistenten. Europa erscheint dabei oft als Nachzügler. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Denn abseits der Plattformökonomie liegt eine der größten Chancen genau dort, wo Deutschland und Europa traditionell stark sind: In der industriellen Anwendung, in der KI in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen kann.
Die industrielle KI analysiert Sensordaten, steuert Maschinen, bereitet Entscheidungen vor und integriert sich in komplexe Fertigungssysteme, um Effizienz, Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit zu verbessern. Anders als bei Consumer-KI entsteht der Mehrwert hier in der physischen Produktion – an realen Maschinen, Bauteilen und Prozessen.
Das sorgt für große Wachstumschancen. Eine branchenübergreifende Studie des BDI zur Zukunft der Industrie zeigt, dass die deutsche Elektro- und Digitalbranche viele Wachstumsmärkte abdeckt, zum Beispiel Automation, smarte Elektrifizierung und eben die industrielle KI. Für die Branche wird eine Verdopplung der Wertschöpfung auf 182 Milliarden Euro bis 2035 allein aus diesen Bereichen erwartet.
Das ökonomische Potenzial ist auch weltweit enorm. Der BDI-Studie zufolge dürfte der KI-Markt bis dahin ein Volumen von rund zwei Billionen Euro erreichen, mit erheblichen Wertschöpfungschancen für Deutschland. Zugleich kann KI das Produktivitätswachstum spürbar steigern – ein entscheidender Faktor angesichts von Fachkräftemangel und internationalem Wettbewerbsdruck.
Deutschland und Europa sind auf diese Entwicklung gut vorbereitet. Sie verfügen über eine der weltweit führenden Fertigungsindustrien, eine starke Mittelstandsstruktur, tiefes domänenspezifisches Wissen und eine ausgeprägte Ingenieurskultur. KI wird hier nicht als Blackbox verstanden, sondern in bestehende Systeme integriert – mit Fokus auf Sicherheit, Qualität und Zuverlässigkeit. Hinzu kommen globale Kundenbeziehungen und das Vertrauen in „Made in Germany“, das auch für KI-gestützte Lösungen zum Wettbewerbsvorteil werden kann.
Doch trotz dieser Chancen sehen sich viele Unternehmen mit erheblichen Hürden konfrontiert. Regulatorische Unsicherheiten durch Regelwerke wie den EU AI Act, fehlende Standards und komplexe Vorgaben bremsen Innovationen. Hinzu kommen infrastrukturelle Herausforderungen: Industrielle KI benötigt leistungsfähige Rechenzentren, bezahlbare Energie und verlässliche Datenräume. Der gezielte Aufbau entsprechender Kapazitäten in Europa wäre ein strategischer Schritt, um technologische Souveränität zu sichern.
Damit industrielle KI tatsächlich zum Wachstumsmotor wird, braucht es jetzt eine klare politische Agenda. Sie muss industrielle Anwendungen ins Zentrum der KI-Strategie rücken, regulatorische Praxisnähe herstellen, Innovationsökosysteme stärken, Infrastruktur ausbauen und international wettbewerbsfähige Standards setzen. So entscheidet sich, ob Europa industrielle KI auch erfolgreich in Wertschöpfung übersetzen kann.
Text Marc-Stefan Andres | Illustration iStockphoto.com/Doro0, KI-generierte Inhalte/ Adobe Firefly
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2026 am 13. April 2026 erschienen.
Während die Welt über Chatbots diskutiert, entscheidet sich Europas KI-Zukunft in der Industrie. Diese hat beste Voraussetzungen – wenn die Politik jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzt.
Industrielle KI gilt als große Chance für die deutsche Industrie. Für Rainer Brehm, COO für Automatisierung und CTO bei Siemens Digital Industries, und Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, müssen aber regulatorische Vorgaben für die Datenverarbeitung in Fabriken vereinfacht werden.
Der EU AI Act soll den Umgang mit Künstlicher Intelligenz regeln. Doch auch dieser Rechtsrahmen zeigt ein grundlegendes Problem kritisiert Kathrin Glastra, Büroleiterin des ZVEI European Office: Unklare und teils widersprüchliche Anforderungen drohen die guten Absichten der Europäischen Union zu konterkarieren.
Der Cyber Resilience Act (CRA) sollte in seiner Struktur angepasst werden. Vor allen Dingen braucht es Ausnahmen für „unkritische Produkte mit digitalen Elementen“, sagt ZVEI-Europa-Expertin Kathrin Glastra.
Die Geopolitik ist gerade im Umbruch. Die USA als Verbündete wackeln, die Dominanz des Silicon Valley erscheint immer mehr als Risiko. Ist globale Arbeitsteilung noch sinnvoll, wenn es um sicherheitskritische oder systemrelevante Produkte geht? Ampere sprach darüber mit Manuel Atug, Principal bei der Berliner Beratungsfirma HiSolutions AG.
Auf die Elektro- und Digitalindustrie kommt es mehr denn je an, zeigt sich Daniel Hager, designierter ZVEI-Präsident, überzeugt. Die Megatrends Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung seien aufs Engste mit der Branche verbunden. Zusätzliche Verantwortung müsse sie durch größere geopolitische Unsicherheiten, eine rasante KI-Entwicklung und lähmende regulatorische Hürden schultern. Trotzdem gibt sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Hager Group zuversichtlich. Stärker als bisher will er allerdings die EU in die Pflicht nehmen.
Interview mit Debra Phillips, Präsidentin und CEO der National Electrical Manufacturers Association (NEMA), dem US-amerikanischen Branchenverband der Elektroindustrie
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Mit dem Magazin der Elektro- und Digitalindustrie ampere, das zwei Mal im Jahr erscheint, schaut der Verband über den Tellerrand der Branche hinaus.
Jede Ausgabe von ampere setzt sich kontrovers und informativ mit Themenschwerpunkten der Elektroindustrie auseinander, die aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Der Verband will mit dem Magazin den Dialog mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft stärken.