Heißes Eisen - Online

„Unternehmen müssen jetzt an ihrer digitalen Souveränität arbeiten“

Die Geopolitik ist gerade im Umbruch. Die USA als Verbündete wackeln, die Dominanz des Silicon Valley erscheint immer mehr als Risiko. Ist globale Arbeitsteilung noch sinnvoll, wenn es um sicherheitskritische oder systemrelevante Produkte geht? Ampere sprach darüber mit Manuel Atug, Principal bei der Berliner Beratungsfirma HiSolutions AG.

Atug: Für Unternehmen ist es höchste Zeit, darüber nachzudenken, von welchem Staat und welchem Dienstleister sie abhängig sein wollen. Alle sollten an ihrer digitalen Souveränität arbeiten, Stück für Stück, bei jeder Ausschreibung und jeder anstehenden Migration. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Mein Rat: Verpflichten Sie Ihre Dienstleister auf freie und offene Standards, optimalerweise gepaart mit Open-Source-Lösungen. In Bereichen wie E-Mails, Domains und Webhosting funktioniert genau deswegen digitale Souveränität sehr gut. Hier können die Kunden dank offener Standards schnell den Anbieter wechseln. 

Ist Cyberabwehr ab sofort ein politisches Thema?

Atug: Das ist schon lange der Fall. Ein wichtiger Wendepunkt war der 11. September 2001, ein anderer der Überwachungsskandal, den Edward Snowden 2013 öffentlich machte. Seitdem haben alle Länder – auch Deutschland – ihre Aktivitäten im Cyberbereich verstärkt. Den letzten Schub gab es nach Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Wir sehen also seit Jahren einen massiven Anstieg bei der Spionage durch staatliche Akteure. 

Es braucht die Geschäftsführung, die sagt: Wir wollen digitale Souveränität.

Manuel Atug

Principal bei HiSolutions AG

Aber gibt es zu den Angeboten von US-Technologieriesen immer europäische Alternativen?

Atug: Dieses Klagelied hört man oft. Mein Verdacht ist, dass häufig nicht richtig gesucht wird. Mich hat letztens ein Bekannter angesprochen, der eine Alternative zu Dropbox suchte. Wenn man im Internet ein bisschen recherchiert, stößt man z. B. schnell auf „Nextcloud Hosting“ und findet einheimische Dienstleister, die einen ähnlichen Service auf der Basis der freien Software Nextcloud anbieten – auch aus dem Mittelstand. Aber es muss der Wille da sein, es ernsthaft zu wollen! Es braucht die Geschäftsführung, die sagt „Wir wollen digitale Souveränität“. Letztlich ist das Teil einer nachhaltigen Unternehmensstrategie.

Aus der Politik war zuletzt die Forderung zu hören, nicht nur die Abwehr zu verbessern, sondern auch „Gegen-Hacking“ zu betreiben. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt etwa hat das unlängst Hackern angedroht, die staatliche Institutionen angreifen. Was halten Sie von solchen sogenannten Hackbacks? 

Atug: Das Prinzip „Auge um Auge“ ist die garantiert falsche Lösung. Zum einen sind Hackbacks schlichtweg offensichtlich verfassungswidrig, zum anderen kann es zu unvorhersehbaren Kollateralschäden kommen. Staatliche Akteure und andere Kriminelle nutzen für ihre Angriffe ja in der Regel keine eigenen Systeme, sondern kapern dafür fremde IT-Infrastruktur. Angenommen zum Beispiel, es handelt sich dabei um den Server eines deutschen Krankenhauses, könnte ein Hackback die OP-Belegungsplanung oder den Zugriff auf Patientendaten lahmlegen.

 

Text Constantin Gillies | Bild ZVEI/René Gaens

 

Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe 2026, die am 13. April 2026 erscheint.



Erscheint in der Ausgabe 2026

„Unternehmen müssen jetzt an ihrer digitalen Souveränität arbeiten“

Die Geopolitik ist gerade im Umbruch. Die USA als Verbündete wackeln, die Dominanz des Silicon Valley erscheint immer mehr als Risiko. Ist globale Arbeitsteilung noch sinnvoll, wenn es um sicherheitskritische oder systemrelevante Produkte geht? Ampere sprach darüber mit Manuel Atug, Principal bei der Berliner Beratungsfirma HiSolutions AG.

"Wir müssen früher wissen, wohin die Reise geht"

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