Herr Hager, wir leben in unruhigen Zeiten – geopolitisch wie wirtschaftlich. Wenn Sie auf die kommenden Jahre Ihrer Präsidentschaft blicken: Überwiegt die Sorge oder die Zuversicht?
Für mich ist das Glas halb voll. Natürlich befinden wir uns in einer Riesentransformation, die Risiken birgt – aber eben auch enorme Chancen für unsere Industrie bringt. Unsere Branche arbeitet an den großen Zukunftsthemen: Dekarbonisierung durch Elektrifizierung auf Basis erneuerbarer Energien mit neuen Formen der Mobilität und Gebäuden mit positiver Energiebilanz. Neue Wertschöpfung durch KI in der industriellen Anwendung, Software und Daten. Das sind alles Felder, in denen wir einen echten Unterschied machen können. Wir sind mitnichten Dampflokomotiven-Hersteller, sondern Treiber einer beachtlichen wirtschaftlichen Transformation. Das ist faszinierend und motiviert mich.
Dennoch klagen viele Unternehmen über die Rahmenbedingungen. Was sind die drängendsten Baustellen?
Ganz oben steht für mich das Thema Regulierung. Vieles, was in Brüssel entschieden wird, kommt bei den Unternehmen an wie ein führerloser Zug. Früher als bisher muss es uns gelingen, solche Züge ins Abstellgleis umzulenken. Nehmen wir beispielsweise das drohende pauschale PFAS-Verbot oder die großen Digitalregulierungen zu KI, Daten und Cybersicherheit. Solche Vorgaben gehen zulasten unserer Unternehmen, gerade auch der zahlreichen mittelständischen, schädigen ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit unseren Industriestandort.
Was ist die Lehre daraus für den ZVEI?
Wir brauchen eine Art Frühwarnsystem. Wir müssen in Brüssel und Berlin viel früher dran sein, quasi unsere Sensoren feiner justieren, um Risiken zu erkennen und Schwächen zu beheben, bevor Gesetze beschlossen werden. Egal ob Nachhaltigkeitsberichtspflichten oder Lieferkettengesetz: Wir müssen uns rechtzeitiger und hörbarer einbringen. Mein Ziel ist es, hier stärker proaktiv und weniger reaktiv zu agieren – auch nach Frankreich und in andere europäische Partnerländer, damit wir mit einer Stimme sprechen. Wir brauchen mehr Dialog zwischen Politik und Industrie und mehr gegenseitiges Verständnis. Dabei dürfen wir um klare Worte nicht verlegen sein.
Stichwort KI: Hier dominieren die USA und China die Schlagzeilen. Haben wir in Europa den Anschluss verpasst?
Wenn wir auf die großen Sprachmodelle schauen, vielleicht. Aber bei der industriellen KI – also dort, wo es um die Anwendung in der Produktion und in Produkten geht – sehe ich große Chancen. Deutschland hat eine enorme Erfahrung in der Automatisierungstechnik. Unsere Stärken sind Prozesswissen, Zuverlässigkeit und die Nähe zum Kunden. Und wir betreiben immer noch Spitzenforschung. Schauen Sie etwa nach München: Dort bilden wir an der TU jährlich hunderte Experten im Quantencomputing aus – das ist absolute Weltspitze. Solche Attribute zählen auch in der KI-Welt. Aber wir dürfen nicht naiv sein: Der Wettbewerb, gerade aus China, ist technologisch hart und extrem schnell.