Europas KI-Chance liegt in den Fabriken
Während die Welt über Chatbots diskutiert, entscheidet sich Europas KI-Zukunft in der Industrie. Diese hat beste Voraussetzungen – wenn die Politik jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzt.
Das Magazin der Elektro- und Digitalindustrie
Ausgabe 2026

Künstliche Intelligenz verändert, wie wir arbeiten, kommunizieren und produzieren. Der globale KI-Diskurs wird jedoch vor allem von Anwendungen aus den USA und China geprägt – von generativen Sprachmodellen bis zu digitalen Assistenten. Europa erscheint dabei oft als Nachzügler. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Denn abseits der Plattformökonomie liegt eine der größten Chancen genau dort, wo Deutschland und Europa traditionell stark sind: In der industriellen Anwendung, in der KI in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen kann.
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Karten im globalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz scheinen bereits verteilt zu sein: Man könnte glauben, die USA und China dominieren das Rennen mit einem schier uneinholbaren Vorsprung. Das für uns interessante KI-Match beginnt aber gerade erst und findet auf einem anderen Spielfeld statt: in den Fabrikhallen. Und hier hält Deutschland einen entscheidenden Trumpf in der Hand.
Wir verfügen über einen weltweit einzigartigen Schatz: präzise Industriedaten, die uns einen Hebel geben, um das Rennen zu machen. Der Hebel: Sie strukturiert nutzen und in Systeme einbetten. Denn anders als bei den großen Sprachmodellen im Konsumentenumfeld dürfen Halluzinationen industrielle Prozesse nicht ausbremsen. Präzision ist in der Fertigung spielentscheidend. Genau da liegt unsere Stärke. Aber was noch viel wichtiger ist: Hier bietet sich uns eine unvergleichliche Chance auf anhaltende Wertschöpfung. Mit industrieller KI können wir unsere Produktivität jährlich um ein Prozent steigern. Für uns als Elektro- und Digitalindustrie ist sie darum weit mehr als ein Hype. Sie ist ein entscheidender Schlüssel, um unseren Wohlstand zu sichern.

Doch der Besitz von Daten allein genügt nicht. Wir müssen gemeinsam etwas aus diesem Vorsprung machen, sonst büßen wir ihn ein. Während China die firmenübergreifende Datennutzung staatlich forciert, wollen wir in Europa einen selbstbestimmten Weg gehen. Dafür sind Initiativen wie Manufacturing-X oder unsere ZVEI-Plattform Industrial AI and Data Economy als Enabler wichtig.
Die technischen Voraussetzungen dafür sind längst geschaffen: Mit der Asset Administration Shell existiert ein umfassender Standard, um den Datenaustausch einfach zu organisieren. Was jetzt noch fehlt, ist ein Kulturwandel in der Praxis. Wir müssen den Mut haben, vom Datentresor in gemeinsam genutzte Datenräume zu wechseln. Damit wir uns mit unserem Datenschatz international an der Spitze halten.
Lassen Sie uns diesen Wettbewerbsvorteil nutzen. Mit anderen Worten: Starten wir die Automatisierung der Automatisierung! Mehr dazu erfahren Sie in dieser Ausgabe der ampere.
Ihr
Wolfgang Weber
Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung
Während die Welt über Chatbots diskutiert, entscheidet sich Europas KI-Zukunft in der Industrie. Diese hat beste Voraussetzungen – wenn die Politik jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzt.
Industrielle KI gilt als große Chance für die deutsche Industrie. Für Rainer Brehm, COO für Automatisierung und CTO bei Siemens Digital Industries, und Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, müssen aber regulatorische Vorgaben für die Datenverarbeitung in Fabriken vereinfacht werden.
Der EU AI Act soll den Umgang mit Künstlicher Intelligenz regeln. Doch auch dieser Rechtsrahmen zeigt ein grundlegendes Problem kritisiert Kathrin Glastra, Büroleiterin des ZVEI European Office: Unklare und teils widersprüchliche Anforderungen drohen die guten Absichten der Europäischen Union zu konterkarieren.
Der Cyber Resilience Act (CRA) sollte in seiner Struktur angepasst werden. Vor allen Dingen braucht es Ausnahmen für „unkritische Produkte mit digitalen Elementen“, sagt ZVEI-Europa-Expertin Kathrin Glastra.
Die Geopolitik ist gerade im Umbruch. Die USA als Verbündete wackeln, die Dominanz des Silicon Valley erscheint immer mehr als Risiko. Ist globale Arbeitsteilung noch sinnvoll, wenn es um sicherheitskritische oder systemrelevante Produkte geht? Ampere sprach darüber mit Manuel Atug, Principal bei der Berliner Beratungsfirma HiSolutions AG.
Auf die Elektro- und Digitalindustrie kommt es mehr denn je an, zeigt sich Daniel Hager, designierter ZVEI-Präsident, überzeugt. Die Megatrends Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung seien aufs Engste mit der Branche verbunden. Zusätzliche Verantwortung müsse sie durch größere geopolitische Unsicherheiten, eine rasante KI-Entwicklung und lähmende regulatorische Hürden schultern. Trotzdem gibt sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Hager Group zuversichtlich. Stärker als bisher will er allerdings die EU in die Pflicht nehmen.
Interview mit Debra Phillips, Präsidentin und CEO der National Electrical Manufacturers Association (NEMA), dem US-amerikanischen Branchenverband der Elektroindustrie