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09.03.2026

"Wir müssen früher wissen, wohin die Reise geht"

Auf die Elektro- und Digitalindustrie kommt es mehr denn je an, zeigt sich Daniel Hager, designierter ZVEI-Präsident, überzeugt. Die Megatrends Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung seien aufs Engste mit der Branche verbunden. Zusätzliche Verantwortung müsse sie durch größere geopolitische Unsicherheiten, eine rasante KI-Entwicklung und lähmende regulatorische Hürden schultern. Trotzdem gibt sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Hager Group zuversichtlich. Stärker als bisher will er allerdings die EU in die Pflicht nehmen.

Chefsache

"Wir müssen früher wissen, wohin die Reise geht"

Auf die Elektro- und Digitalindustrie kommt es mehr denn je an, zeigt sich Daniel Hager, designierter ZVEI-Präsident, überzeugt. Die Megatrends Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung seien aufs Engste mit der Branche verbunden. Zusätzliche Verantwortung müsse sie durch größere geopolitische Unsicherheiten, eine rasante KI-Entwicklung und lähmende regulatorische Hürden schultern. Trotzdem gibt sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Hager Group zuversichtlich. Stärker als bisher will er allerdings die EU in die Pflicht nehmen.

Herr Hager, wir leben in unruhigen Zeiten – geopolitisch wie wirtschaftlich. Wenn Sie auf die kommenden Jahre Ihrer Präsidentschaft blicken: Überwiegt die Sorge oder die Zuversicht?

Für mich ist das Glas halb voll. Natürlich befinden wir uns in einer Riesentransformation, die Risiken birgt – aber eben auch enorme Chancen für unsere Industrie bringt. Unsere Branche arbeitet an den großen Zukunftsthemen: Dekarbonisierung durch Elektrifizierung auf Basis erneuerbarer Energien mit neuen Formen der Mobilität und Gebäuden mit positiver Energiebilanz. Neue Wertschöpfung durch KI in der industriellen Anwendung, Software und Daten. Das sind alles Felder, in denen wir einen echten Unterschied machen können. Wir sind mitnichten Dampflokomotiven-Hersteller, sondern Treiber einer beachtlichen wirtschaftlichen Transformation. Das ist faszinierend und motiviert mich.

Dennoch klagen viele Unternehmen über die Rahmenbedingungen. Was sind die drängendsten Baustellen?

Ganz oben steht für mich das Thema Regulierung. Vieles, was in Brüssel entschieden wird, kommt bei den Unternehmen an wie ein führerloser Zug. Früher als bisher muss es uns gelingen, solche Züge ins Abstellgleis umzulenken. Nehmen wir beispielsweise das drohende pauschale PFAS-Verbot oder die großen Digitalregulierungen zu KI, Daten und Cybersicherheit. Solche Vorgaben gehen zulasten unserer Unternehmen, gerade auch der zahlreichen mittelständischen, schädigen ihre Wettbewerbsfähigkeit und damit unseren Industriestandort.

Was ist die Lehre daraus für den ZVEI?

Wir brauchen eine Art Frühwarnsystem. Wir müssen in Brüssel und Berlin viel früher dran sein, quasi unsere Sensoren feiner justieren, um Risiken zu erkennen und Schwächen zu beheben, bevor Gesetze beschlossen werden. Egal ob Nachhaltigkeitsberichtspflichten oder Lieferkettengesetz: Wir müssen uns rechtzeitiger und hörbarer einbringen. Mein Ziel ist es, hier stärker proaktiv und weniger reaktiv zu agieren – auch nach Frankreich und in andere europäische Partnerländer, damit wir mit einer Stimme sprechen. Wir brauchen mehr Dialog zwischen Politik und Industrie und mehr gegenseitiges Verständnis. Dabei dürfen wir um klare Worte nicht verlegen sein.

Stichwort KI: Hier dominieren die USA und China die Schlagzeilen. Haben wir in Europa den Anschluss verpasst?

Wenn wir auf die großen Sprachmodelle schauen, vielleicht. Aber bei der industriellen KI – also dort, wo es um die Anwendung in der Produktion und in Produkten geht – sehe ich große Chancen. Deutschland hat eine enorme Erfahrung in der Automatisierungstechnik. Unsere Stärken sind Prozesswissen, Zuverlässigkeit und die Nähe zum Kunden. Und wir betreiben immer noch Spitzenforschung. Schauen Sie etwa nach München: Dort bilden wir an der TU jährlich hunderte Experten im Quantencomputing aus – das ist absolute Weltspitze. Solche Attribute zählen auch in der KI-Welt. Aber wir dürfen nicht naiv sein: Der Wettbewerb, gerade aus China, ist technologisch hart und extrem schnell.

Eine Umfrage besagt, dass viele Unternehmen wegen der Überregulierung bei KI über Abwanderung nachdenken. Teilen Sie diese Sorge?

Wir müssen das sehr ernst nehmen. Regulierung wird niemals das „Machen“ ersetzen können. Unser Anspruch muss sein, technologisch führend zu sein. Uns hilft das beste Regelwerk nicht, wenn wir abgehängt werden. Wir brauchen technologische Exzellenz in Europa – und davon gibt es noch viel. Aber das erfordert Kraftanstrengungen gerade auf Unternehmensseite, die ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln müssen. Es reicht künftig immer weniger, nur Hardware zu verkaufen. Es geht um Lösungen, um Dienstleistungen, um vernetzte Systeme.

Ein weiteres großes Thema ist die Energie. „Die Zukunft ist elektrisch“ zitierte EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen neulich eine Grundüberzeugung Ihres Verbands. Nur ohne wettbewerbsfähige Strompreise wird das schwierig, oder?

Absolut. Wenn der elektrische Weg im Betrieb teurer bleibt als der fossile, wird die Transformation nicht fliegen. Das sehen wir aktuell auch bei der Wärmepumpe oder der E-Mobilität. Deshalb muss der Strompreis für alle niedriger werden – die Bundesregierung muss an die Stromsteuer ran wie im Koalitionsvertrag vereinbart. 

Wie stehen Sie zu staatlichen Transferleistungen?

Als Unternehmer bin ich kein Freund von dauerhaften Subventionen. Unternehmen wollen Wettbewerb, wollen sich messen im Rahmen fairer marktwirtschaftlicher Regeln. Staatliche Hilfen sollten, wenn überhaupt, immer nur ein temporäres Mittel sein. Wichtiger sind passende Rahmenbedingungen, die Investitionen in Deutschland wieder attraktiver machen. Anerkennen muss ich aber, dass wir global immer häufiger nicht mehr von einem „level-playing-field“ sprechen können. Auf die hohen Förderungen des Mikroelektroniksektors in den USA und China beispielsweise brauchen wir eine europäische Antwort.

Wir sind Treiber einer beachtlichen wirtschaftlichen Transformation.

Daniel Hager

ZVEI-Präsident elect

Der ZVEI hat sich mit der Plattform „Sicherheit und Verteidigung“ einem neuen Feld geöffnet. Wie passt das zur Elektro- und Digitalindustrie?

Der Ertüchtigung der Verteidigungsfähigkeit und der Bundeswehr können wir uns angesichts der geopolitischen Lage nicht entziehen. Unsere Industrie liefert dafür essenzielle Technologien – von der Mikroelektronik bis zur Gebäudetechnik für neue Kasernen. Aber auch hier müssen wir pragmatischer werden.

Inwiefern?

Die Beschaffungsprozesse dauern oft viel zu lang und die regulatorischen Anforderungen sind in diesem Feld nochmals höher. Wenn es schnell gehen muss, wie es akut der Fall ist, können wir uns keinen „Gold-Standard“ leisten. Wir brauchen mehr Flexibilität und die Erkenntnis, dass auch ein Standard-LKW statt einer Spezialanfertigung ebenso gute Dienste leisten kann und es ein normaler Leitungsschutzschalter auch macht. Wir müssen weg von überkomplexen Vergabeverfahren hin zu mehr Pragmatismus. Hier kann der Verband helfen, das Verständnis zwischen Industrie und Beschaffern zu verbessern – der ZVEI hat den Gesprächsfaden mit der Bundeswehr bereits aufgenommen.

Sie sind durch Ihr Unternehmen tief in Deutschland und Frankreich verwurzelt. Wie kann der ZVEI davon profitieren?

Ich sehe mich hier als Brückenbauer. In unserem französischen Partnerverband FIEEC engagiere ich mich ebenfalls seit geraumer Zeit und möchte die Zusammenarbeit mit dem ZVEI intensivieren. Da hilft es, wenn jemand in beiden „Sprachen“ zuhause ist – und damit meine ich nicht nur Vokabeln. Ich traue mir zu, europäisch zu denken und zu handeln. Dies ist nötig, um nationale Eigenheiten zu überwinden. Statt uns gegenseitig mit unterschiedlichen Standards zu blockieren, müssen wir unsere Ressourcen bündeln. Nur wenn wir als europäische Industrie mit einer Stimme sprechen, werden wir in Brüssel und im globalen Wettbewerb wirklich etwas bewirken können. Der deutsch-französische Motor kann hierbei für neuen Schwung sorgen.

Daniel Hager  (54) ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der Hager Group, einem führenden Anbieter von Lösungen und Dienstleistungen für elektrotechnische Installationen. Das Familienunternehmen mit Standorten in Blieskastel (Saarland) und Obernai (Elsass) ist tief in der deutsch-französischen Wirtschaft verwurzelt. Hager engagiert sich seit Jahren im ZVEI und ist zudem im französischen Partnerverband FIEEC aktiv. Er tritt im Mai zur Wahl um die Nachfolge von Dr. Gunther Kegel als
ZVEI-Präsident an.

 

Text Christian Buck | Bild Alexander Grüber

 

Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe 2026, die am 13. April 2026 erscheint.

Industrie Energie Gebäude AMPERE Europa & International Digitalisierung Cybersicherheit Künstliche Intelligenz Elektrifizierung

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