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Dr. Nikolas Keßels

25.02.2026

„Die Welt lernt gerade, dass Geld und Macht zwei sehr unterschiedliche Dinge sind“

Dr. Nikolas Keßels leitet seit Oktober 2025 den Bereich Global Affairs & Konjunktur im ZVEI. In der transatlantischen und globalen Wirtschaftspolitik kennt er sich aus, promovierte zu Fragen der US-Finanzmarktregulierung im Kontext der globalen Finanzkrise 2008. Im Interview sagt Keßels, wie die USA und China globale Spielregeln verändern, was ihn an der Bundesregierung überrascht – und welchen Space Western er zum Abschalten empfiehlt.

Nikolas, wer derzeit die Nachrichten verfolgt, gewinnt schnell den Eindruck, dass sich die Welt im Krisenmodus befindet. Die regelbasierte Wirtschaftsordnung pulverisiert; wie wirkt sich das auf die Elektro- und Digitalindustrie aus?  

China monopolisiert mit seinem Ansatz der Dual-Circulation internationale Wertschöpfungsketten. Die USA wiederum externalisieren die Umwuchtserfahrung ihrer Volkswirtschaft – massives Wachstum in einigen wenigen Branchen bei gleichzeitigen Reallohnverlusten (Stichwort: Affordability-Crisis) weiter Teile der Bevölkerung. Damit müssen alle Industrien umgehen, unsere globale Branche ganz besonders. Die Frage ist daher, wie wir die Partnerschaften mit Peking und Washington verändern müssen. Das geschieht schrittweise schon.

Doch bei all dem Reformbedarf in der Welthandelsorganisation bleibt aus der Vogelperspektive das Prinzip kollektiven Handelns immer noch attraktiv. Denn Institutionen können scheitern, aber Mittelmächte wie Deutschland und die europäischen Partner zeigen gerade sehr deutlich, dass sie – wie im Abkommen mit dem Mercosur, mit Indien, den ASEAN-Staaten oder absehbar auch Australien – in der Lage sind, sich den starken Individualspielern und deren Unilateralismus entgegenzustellen. Das wiederum erhöht die Kosten für Nicht-Kooperation großer Spieler und ist im Sinne von uns als Elektro- und Digitalindustrie, weil wir hiermit in anderen Märkten Wachstumspotenziale realisieren können, die uns scheiternde Partnerschaften nicht mehr ermöglichen. 

Unsere Branche ist stark auf den Export ausgerichtet, mit den USA und China als größte Abnehmerländer. Kann das in der gegenwärtigen angespannten weltpolitischen Lage gut gehen?

Nein. Eine Lehre aus der Finanzkrise 2008 war, dass Diversifizierung – von Märkten, Portfolios, Assets, Käufern – enorm wichtig bleibt. In der Finanzbranche wurde über Kapital und besonders über neue Liquiditätsanforderungen eine solche regionale und produktspezifische Diversifizierung durch einen Puffer ergänzt. So wurde bei höherer Risikoexposition eine bessere Reaktionsmöglichkeit geschaffen, Ausfälle zu kompensieren. Kurzum: Das System wurde resilienter. Das ist in der Realwirtschaft aber weniger leicht zu erreichen.   

Die oben genannten Handelsabkommen sind ein wichtiger erster Schritt, der die wirtschaftlichen Beziehungen zu Peking und Washington gut ergänzt und ebenfalls resilienter macht. Diversifizierung – also die Nicht-Abhängigkeit von einzelnen Märkten – stabilisiert das Verhältnis zu genau den Märkten, die für uns problematisch sind. Wer gibt schon gerne Wirtschaftsbeziehungen auf, die für die andere Seite gut substituierbar sind?! 

Resilienz könnte auch aus dem Binnenmarkt kommen. Eine Untersuchung des IWF kommt zu dem Schluss, dass in Europa Waren zwar über Grenzen gehandelt werden können, aber die nicht-tarifären Hemmnisse, diese Waren in den Verkehr zu bringen, zu einem „Zoll“ von 44 Prozent führen. Schlimmer noch aus Sicht der EDI: In derselben Untersuchung bezifferte der IWF die Reibungsverluste aufgrund regulatorischer Unterschiede im europäischen Binnenmarkt bei Dienstleistungen auf 110 Prozent. Es gibt also viel Potenzial für eine Diversifizierung nach innen – und über Entbürokratisierung, neue Technologien oder Produktivitätssteigerungen haben wir dann noch gar nicht gesprochen. 

Immer häufiger ist von Local Content die Rede. Wie steht der ZVEI zu solchen Forderungen?  

Die Vorgabe, dass Wertschöpfung zu einem vorab definierten Anteil vor Ort geschehen müsse, ist als Diskussion erfreulich spät auf die politische Agenda gekommen. Ich sage erfreulich, weil in einer arbeitsteiligen Welt Local Content grundsätzlich höhere Kosten verursacht, knappe Ressourcen stark beansprucht und Innovation und Transformation erschwert.  

Gleichzeitig lernt die Welt – die nach dem Fall der Mauer nur noch eine Richtung hin zu Kooperation und Globalisierung zu kennen schien –, dass Geld und Macht zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. Die internationale Politik ist getrieben durch den Machtkonflikt zwischen Washington und Peking. Wirtschaftliche Interessen spielen hier zwar eine Rolle, verlieren aber an Bedeutung, so diese nicht auf Machtinteressen einzahlen. In dieser Politisierung oder sogar Versicherheitlichung der Weltwirtschaft kann es sinnvoll sein, bestimmte Wertschöpfung vor Ort anzusiedeln, einfach weil wir in bestimmten Wirtschaftsbereichen anderweitig unsere politische Souveränität – ein anderer Begriff für Macht – nicht bewahren können. In anderen Worten: Es gibt Bereiche, in denen wir wollen sollten, dass wir eigene Produktions- und Entwicklungskapazitäten besitzen, damit wir von denen, die derartige Kapazitäten massiv ausbauen, nicht zu unliebsamen Zugeständnissen gezwungen werden können. 

Welche Entwicklung hat Dich zuletzt überrascht?   

Wo wir gerade bei Macht sind: Mich überrascht das Kanzleramt. Geostrategisches Denken ist sicherlich nichts, was man der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten nachsagen konnte. Dieses Kanzleramt hat aber in den vergangenen Monaten Akzente gesetzt, die ich für sehr positiv halte. Zum einen war da die Bemerkung, dass Deutschland die Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen der EU blockieren könnte, wenn das Mercosur-Abkommen scheitert. Das war ein sehr robuster Schuss über den Bug. Dann kam die Reise des Kanzlers nach Indien, die fast schon kollegial den Verhandlungsabschluss zwischen der europäischen Kommission und der indischen Regierung über ein Handelsabkommen vorbereitet hat. Das war echte Teamarbeit. Und zuletzt sehen wir in der Auseinandersetzung über das System FCAS, dass die Bundesregierung auch gesichtswahrende Diplomatie beherrscht.

Aus meiner Sicht zeigt dies eine strategische Herangehensweise, Deutschland in Europa als Führungskraft zu etablieren, ohne dass unsere Partner Angst vor Hegemonialansprüchen haben müssten. Diesen Drahtseilakt kennt man von Bundesregierungen vergangener Jahre nicht. 

Buch, Podcast, Film: Deine Empfehlung an uns?

Vor den Wahlen dieses Jahr empfehle ich Erich Kästners „Fabian“. Die Geschichte spielt im politisch aufgeheizten Berlin vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, wendet sich dabei gegen die politischen Extreme, ohne aber in die Falle zu tappen, den Faschismus mit anderen politischen Gesinnungen gleichzustellen.  

Ein Podcast, den man immer hören kann, ist Planet Money von NPR. Es gibt aus meiner Sicht kaum etwas Besseres zur politischen Ökonomie.  

Zwei Serien haben mich nachhaltig beeindruckt. Wer auf Space Western wie „The Mandalorian“ steht, sollte der Serie „Firefly“ aus dem Jahr 2002 mit Nathan Fillion, den man derzeit aus „The Rookie“ kennt, eine Chance geben. Für kultigen Humor mit musikalischer Ohrwurmgarantie empfehle ich „Flight of the Conchords“, eine Geschichte über Neuseeländer, die als Band ihr Leben in New York beschreiben.  

Bild: ZVEI / Dr. Nikolas Keßels