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24.04.2024

Das Land der Premium-Stromer: Norwegen

Dank allgegenwärtiger Wasserkraft und staatlicher Förderung ist Norwegen auf dem Weg zur All Electric Society ein ganzes Stück weiter als Deutschland. Beide Länder arbeiten eng zusammen, um mehr Energiesicherheit und Nachhaltigkeit zu erreichen.

Grenzüberschreitung

Das Land der Premium-Stromer: Norwegen

Dank allgegenwärtiger Wasserkraft und staatlicher Förderung ist Norwegen auf dem Weg zur All Electric Society ein ganzes Stück weiter als Deutschland. Beide Länder arbeiten eng zusammen, um mehr Energiesicherheit und Nachhaltigkeit zu erreichen.

 

Wer Oslo besucht, bemerkt als Erstes oft die Stille. In der City sind kaum noch Verbrennungsmotoren zu hören, auf der Straße dominieren Fahrräder und Tesla-Taxis. Durch das Hafenbecken gleiten lautlos elektrisch angetriebene Fähren, und sogar die städtischen Baustellen verursachen kaum Lärm, weil nur emissionsfreie Maschinen im Einsatz sind. 

Kein Zweifel, Norwegen ist Elektrifizierungs-Weltmeister – vor allem auf der Straße: 79,3 Prozent aller neu zugelassenen Pkw fahren dort elektrisch. Das ist der weltweit höchste Wert und meilenweit von der deutschen Quote – 17,7 Prozent – entfernt. Großzügige Förderung hat es möglich gemacht: Bis vor zwei Jahren mussten Norweger auf E-Autos keine Mehrwertsteuer zahlen, was Premium-Stromer so preiswert wie Mittelklasse-Verbrenner gemacht hat. Vom Staat wurde zudem der Aufbau von 4.000 Schnellladestationen subventioniert. Und Baufirmen, die einen E-Bagger anschaffen, bekommen seit Kurzem 40 Prozent der Mehrkosten erstattet. Auch ZVEI-Mitglieder profitieren von der Elektrifizierung: Das fränkische Unternehmen ABL zum Beispiel ist bei Wallboxen in Norwegen nach eigenen Angaben Marktführer.

Doch Subventionen allein erklären das Elektrowunder nicht. „Norwegens großer Vorteil ist, dass der Strommix dort seit jeher auf Erneuerbaren basiert und flexibel steuerbar ist“, berichtet Marcus Franken, Leiter der deutschen Niederlassung des norwegischen Beratungsunternehmens Thema, das auf Energiethemen spezialisiert ist. In Norwegen stammen 88 Prozent des Stroms aus Wasserkraftwerken. Die Weichen dafür haben die Skandinavier schon vor mehr als 100 Jahren gestellt, als sie an den Wasserfällen der Fjorde erstmals Generatoren installierten. Heute gehört grüne Energie zu den Exportschlagern des Landes. Seit vergangenem Jahr ist Norwegen unser zweitwichtigster Stromlieferant, die Deutsche Bahn beispielsweise bezieht Strom vom Wasserkraftwerk Mågeli (über sogenannte Zertifikate). 

Als Ergänzung zur Wasserkraft will Norwegen die Windkraft ausbauen. Aktuell trägt sie 10 Prozent zur Stromversorgung bei. Der Ausbau ist jedoch eine Herausforderung: Die Akzeptanz für Windkraftanlagen an Land ist in Norwegen niedrig, und Offshore-Projekte gestalten sich schwierig, weil der Atlantik vor der Küste sehr tief ist. Deshalb setzt Norwegen auf eine relativ neue Technologie: schwimmende Windkraftanlagen. 140 Kilometer vor der Küste hat der Energiekonzern Equinor im vergangenen August den größten schwimmenden Windpark der Welt eröffnet – Hywind Tampen. Elf Turbinen liefern 88 Megawatt und versorgen zunächst die Bohrinseln in der Umgebung. Aus der Sicht der Norweger kein Widerspruch: „Wir werden eine neue Industrie auf den Schultern der Öl- und Gasindustrie aufbauen“, sagt Siri Kindem, Leiterin des Geschäftsbereichs Erneuerbare Energien bei Equinor. 

Investitionsbedarf gibt es auch bei der Infrastruktur. „In manchen Gebieten muss das Stromnetz in den nächsten fünf Jahren stärker ausgebaut werden als in den 50 Jahren zuvor“, berichtet Experte Franken. Neue Ansiedlungen machen das nötig: Das Unternehmen Blastr Green Steel plant zum Beispiel nordwestlich von Oslo eine elektrische Produktionsanlage für Stahlpellets, ein Vorprodukt der Stahlherstellung. Das Geschäft mit Netztechnik sei darum ein „interessantes Feld“ für ausländische Anbieter, resümiert Franken. So könnte der Elektrifizierungs-Weltmeister im hohen Norden der Elektrobranche in ganz Europa zusätzlichen Schwung bringen.

 

Mehr über Norwegens Energiespeicher 

 

Text Constantin Gillies | Illustration Barbara Geising

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.2024 am 15. April erschienen.

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