Grenzüberschreitung

Norwegische Fjorde als virtuelle Speicher

Zwei Stromkabel verbinden Norwegen bereits mit Deutschland beziehungsweise den Niederlanden. Ab 2030 soll auch nachhaltiger Wasserstoff durch eine Pipeline nach Deutschland fließen.

 

Seit im April 2021 das neue Seekabel Nordlink den Regelbetrieb aufgenommen hat, ist die Elektro-Partnerschaft zwischen Deutschland und Norwegen noch enger geworden. Wenn an der Nordseeküste Flaute herrscht und die Windräder stillstehen, springen Norwegens Wasserkraftwerke in die Bresche. Produziert Deutschland hingegen zu viel Windstrom, soll er über die rund 520 Kilometer lange Leitung mit 1,4 Gigawatt Maximalleistung nach Norwegen fließen, sodass die dortigen Wasserkraftwerke kurzfristig heruntergefahren werden können. Die Fjorde im Norden sollen so als „virtuelle Speicher“ dienen.

Auch das 580 Kilometer lange Stromkabel NorNed (700 Megawatt Leistung) zwischen Norwegen und den Niederlanden dient seit 2008 dazu, Strommärkte zu koppeln und so die Stromkosten zu senken. Mit Energie aus norwegischer Wasserkraft können Lastspitzen in den Niederlanden aufgefangen werden. Umgekehrt fließt niederländischer Strom nachts nach Norwegen, wenn dort weniger Wasserkraft produziert wird. Ungewiss ist hingegen derzeit das Schicksal der dritten geplanten Stromautobahn in Richtung Norden: Das rund 600 Kilometer lange NorGer-Kabel sollte bereits 2015 maximal 1,4 Gigawatt zwischen Deutschland und Norwegen transportieren. Inzwischen ist es ruhig um das Vorhaben geworden, ein Baubeginn derzeit nicht abzusehen. 

Die Idee vom ‚Akku Europas’ stößt langsam an ihre Grenzen. Man stellt sich zunehmend die Frage ‚Wie können wir in Zukunft klimaneutral sein?'

Marcus Franken

Ein möglicher Grund: Die norwegischen Fjorde lassen sich einfach nicht beliebig als Pufferspeicher nutzen, weil der wachsende Strombedarf vor Ort dem Grenzen setzt. „Die Idee vom ‚Akku Europas’ stößt langsam an ihre Grenzen“, sagt Marcus Franken, Leiter der deutschen Niederlassung des norwegischen Beratungsunternehmens Thema. Denn durch die enge Verbindung der Netze schlagen deutsche Strompreisspitzen zunehmend auch auf die norwegischen Tarife durch. Das hat zu Unmut in der Bevölkerung geführt und die Regierung dazu gezwungen, einen Strompreisdeckel einzuführen. All das führt zu einem Umdenken im vermeintlichen Stromparadies. „Man stellt sich zunehmend die Frage ‚Wie können wir in Zukunft klimaneutral sein?’“, so Franken. Man wolle sich nicht mehr nur auf den Trumpf Wasserkraft verlassen, sondern auch Alternativen wie die Windkraft vorantreiben und die Energieeffizienz, etwa im Gebäudesektor, verbessern.

Auch am nächsten Exportschlager nach dem Wasserstrom arbeitet das Land bereits: Wasserstoff. Derzeit wird er in dem rohstoffreichen Land noch aus Erdgas gewonnen, in Zukunft jedoch soll er mithilfe von erneuerbarer Energie produziert werden („Grüner Wasserstoff“). „In Norwegen wird genau verfolgt, was die deutsche Politik in Sachen Wasserstoff plant“, so Franken. Die hatte zuletzt aufs Tempo gedrückt: Im Januar vergangenen Jahres war Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nach Oslo gereist, um eine Energiepartnerschaft mit Norwegen zu verkünden: 2030 soll eine Pipeline beide Länder verbinden und erst „blauen“ Wasserstoff aus Erdgas, später dann grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien liefern. Womit die Energiepartnerschaft mit Norwegen noch ein Stückchen enger würde.

 

Text Constantin Gillies | Bild THEMA/Franken

 

Dieser Artikel ist Teil der Ausgabe 1.2024, die am 15. April erscheint.


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