Im Interview: Dr. Gunther Kegel, ZVEI-Präsident elect und Vorstandsvorsitzender Pepperl+Fuchs AG

"Die Ökonomie in den Dienst der Ökologie stellen"

Deutschland bleibt unter seinen Möglichkeiten, was die breite Einführung nachhaltiger Technologien betrifft. Deshalb fordert ZVEI-Präsident elect Dr. Gunther Kegel eine neue Innovationskultur und mutige Entscheidungen. 

 
 
Herr Dr. Kegel, werden wir uns unseren Wohlstand künftig noch leisten können? Oder müssen wir uns alle einschränken, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten?

Definieren Sie bitte zunächst, was Sie unter Wohlstand verstehen. Wenn Sie damit meinen, dass hierzulande ein extrem hoher Standard in der gesundheitlichen Versorgung gilt oder dass wir in Deutschland allen Menschen Zugang zu einer Ausbildung ermöglichen, dann sage ich: Ja, diese Form des Wohlstandes sollten wir uns unbedingt weiterhin leisten.

Und wenn es darum geht, jeden Tag Fleisch zu essen?

Es ist nun einmal so, dass das von Rindern ausgestoßene Methan zum Klimawandel beiträgt und dass es daher problematisch ist, wenn der weltweite Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch weiter so steigt wie bisher. Allerdings ist Verzicht nicht die einzig mögliche Antwort: Neue Technologien, etwa zur Herstellung von synthetischem Fleisch, holen derzeit massiv auf. In Summe unterschätzen wir in der Regel, was Sprung­innovationen leisten können.

Wir haben nicht mehr viel Zeit, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Sollen wir es wirklich wagen, auf Innovationen zu hoffen?

Im Detail sind Sprunginnovationen nicht plan- oder steuerbar. Aber man kann Rahmenbedingungen schaffen, die solche Innovationen begünstigen und beschleunigen. Will man Technologien zur Dekarbonisierung fördern, muss man dem Unternehmer die Möglichkeiten in Aussicht stellen, mit entsprechenden Innovationen Geld zu verdienen. Auf diesem Weg ist es möglich, die Ökonomie in den Dienst der Ökologie zu stellen. Wir neigen in Deutschland leider dazu, stattdessen Verbote auszusprechen. Es reicht aber nicht, wenn wir nur aus bestimmten Techno­logien wie Kernkraft und Kohle aussteigen. Wir müssen auch in Neues einsteigen.

„In einer dekarbonisierten Welt wird Strom mit weitem Abstand der bedeutendste Energieträger sein. Dabei spielt keine Rolle, ob man den Strom direkt nutzt oder ob man ihn in Form von Wasserstoff zwischenspeichert.”

Dr. Gunther Kegel

Geht es denn überhaupt darum, neue Technologien zu erfinden oder darum, bereits Erfundenes anzuwenden?

Es ist eigentlich alles da, um die Welt weitgehend zu dekarbonisieren. Die meisten Technologien haben allerdings noch nicht die Marktreife erreicht, um gegenüber der Nutzung fossiler Energieträger wettbewerbsfähig zu sein. Der wirtschaftliche Nachteil desjenigen, der neue Technologien in den Markt bringt, sollte daher ausgeglichen werden. Dabei müssen wir der Industrie ausreichend Zeit für die Umstellung geben. Einfach großen Kostendruck zu erzeugen, führt nur dazu, die Bilanzen der Unternehmen zu belasten – so schafft man kein positives Innovationsklima. Gleichzeitig soll die CO2-Bepreisung natürlich Wirkung entfalten. Die Kunst besteht darin, den Preis so zu gestalten, dass der notwendige Innovationsdruck entsteht, und gleichzeitig die Hürden nicht so hoch zu setzen, dass den Unternehmen das Geld für künftige Innovationen ausgeht.

Welche Rolle spielt die Elektrifizierung auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft?

In einer dekarbonisierten Welt wird Strom mit weitem Abstand der bedeutendste Energieträger sein. Dabei spielt es keine Rolle, ­ob man den Strom direkt nutzt oder ob man ihn in Form von Wasserstoff zwischenspeichert und dann beispielsweise in einer Brennstoffzelle wieder in Strom wandelt. Sinnvoll ist so etwas natürlich nur, wenn man grünen Wasserstoff nutzt, der über Elektrolyse aus regenerativ erzeugtem Strom hergestellt wird. In großen Anlagen, in denen man CO2 aus der Atmosphäre bindet, könnte man mit diesem Wasserstoff auch synthetische Kraftstoffe herstellen. So oder so steht am Anfang immer der Energieträger Strom.

In Entwicklungsländern leben noch 850 Millionen Menschen ohne Zugang zu Elektrizität. Wäre es nicht klüger dort anzufangen, anstatt hier auf teure Hochtechnologie zu setzen?

Wir wollen unsere Technologien doch in diese Länder verkaufen! Daher ist es auf jeden Fall sinnvoll, dort gleich mit Investitionen in erneuerbare Energiesysteme zu beginnen und nicht den Umweg über fossile Energieträger zu gehen. Natürlich scheint es momentan noch viel billiger, Kohle zu verstromen, aber wenn wir den damit verbundenen CO2-Ausstoß entsprechend den prognostizierten Umweltschäden bepreisen würden, dann sähe die Bilanz anders aus. Ein Problem dabei ist, dass die Klimamodelle derart weit auseinanderliegen und als Grundlage für konkrete Investitionsentscheidungen nicht taugen. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als generell an der Dekarbonisierung zu arbeiten. Angesichts einer auf zehn, elf Milliarden Menschen anwachsenden Weltbevölkerung ist es ohnehin sinnvoll, von der heutigen, auf fossilen Rohstoffen basierenden Wohlstandsgenerierung auf eine Kreislaufwirtschaft umzuschwenken. 

Was kann die Digitalisierung beitragen?

Die Digitalisierung ist generell ein mächtiges Werkzeug. Wir nutzen sie allerdings noch viel zu sehr, um „first-world problems“ zu lösen. Es wird viel Innovationskraft verschwendet, um marginale Veränderungen zu erzeugen. Rund eine halbe Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Wasser … um solche Zustände zu ändern, sollten wir die Digitalisierung nutzen.

Wie berechtigt ist die Hoffnung, dass sich Deutschland durch klimafreundliche Technologien seine Rolle als Exportweltmeister sichert?

In Deutschland stecken wir in vielen Bereichen in der Leuchtturmfalle. Wenn es um innovative Pilotprojekte geht, in denen Wissenschaft und Industrie eng zusammenarbeiten, sind wir schneller als die meisten anderen. Doch nur, wenn wir ein solches Leuchtturmprojekt skalieren und vervielfachen, entfachen wir eine volkswirtschaftliche Wirkung. Das misslingt aber häufig, weil die meisten Menschen neue Technologien zwar begrüßen, jedoch erwarten, dass diese keinen Einfluss auf ihre persönlichen Lebensumstände haben. Die Diskussion über den Ausbau der Windkraft ist dafür ein gutes Beispiel.

Letztlich geht es doch darum, welche Prioritäten eine Gesellschaft setzt.

Wir sollten in Deutschland wieder ein Klima schaffen, in dem es Unternehmern Spaß macht, hierzulande zu investieren. Das haben wir im Moment nicht. Im Gegenteil: Große Infrastrukturprojekte stoßen nahezu immer auf massiven Widerstand. Oft handelt es sich um kleine Gruppen, die gegen eine von der demokratischen Mehrheit gewollten Entscheidung demonstrieren. Dafür benötigen wir Lösungen, etwa durch Mediation in sehr frühen Phasen der Planung. Letztlich geht es auch darum, dass wir nicht die Kompetenz verlieren, solche Großprojekte überhaupt durchzuführen. Es gibt keine Alternative, wenn wir die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern wollen: Wir müssen an Umsetzungsgeschwindigkeit zulegen.

Viele Menschen im Westen sehen im Fortschritt generell keine Lösung mehr.

Das ist ein sehr europäisches und sogar fast ausschließlich deutsches Phänomen. Viele andere Regionen haben hohes Vertrauen in den Fortschritt. Nehmen Sie Japan: Das Land baut derzeit eine komplette Wasserstoff-Infrastruktur auf, auch wenn momentan noch keine Möglichkeit besteht, grünen Wasserstoff wettbewerbsfähig herzustellen. Aber in Japan glaubt man daran, dass der Fortschritt dazu in der Lage ist, die gegenwärtigen Probleme zu lösen. Das fehlt uns hierzulande. 

„Wer sich für ein Ingenieurstudium entscheidet, trägt mehr zur Rettung der Welt bei als derjenige, der sein Auto abschafft.”

Dr. Gunther Kegel

 
Wie wollen Sie das als zukünftiger Präsident des ZVEI ändern?

Die vielleicht wichtigste Aufgabe des ZVEI besteht darin, eine einfache Gleichung ins Bewusstsein zu rufen: Elektrotechnik = Innovation = Nachhaltigkeit. Wir müssen diese Wirkungskette für uns beanspruchen, und zwar branchenübergreifend. Wenn wir die Innovationen im Maschinen- oder Automobilbau sehen, dann stammen doch 90 Prozent aus der Elektrotechnik und der Digitalisierung. Konkret heißt das aber auch, dass ich mich dafür einsetzen werde, dass sich Investitionen in nachhaltige Technologien für die Unternehmen lohnen. Es geht dabei nicht um Aussöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie, sondern darum, dass ökologische Ziele der Gesellschaft erreicht werden, indem sich die dafür notwendigen Investitionen betriebswirtschaftlich rechnen.

Geht es noch etwas konkreter? Was muss spätestens in der nächsten Legislaturperiode passieren?

Das in Berlin arg strapazierte Wort „Technologieoffenheit“ verführt zu einem Trugschluss. Wenn eine Gesellschaft sich vornimmt, in Infrastrukturen für eine dekarbonisierte Energiewelt zu investieren, kann sie nicht Dutzende verschiedener Ansätze parallel fördern, sondern muss irgendwann einen klaren Plan verfolgen. Dafür braucht es Entscheidungen, und dann geht es einfach nur noch um das Machen – das gilt übrigens in gleichem Maß für die Digital- oder die Verkehrsinfrastruktur.

Nehmen wir an, in diesem Moment käme ein Anhänger von Fridays for Future zur Tür herein: Was würden Sie ihm mitgeben?

Ich würde versuchen, ihn für den Ingenieurberuf zu begeistern. Denn wer sich für ein Ingenieurstudium entscheidet, trägt mehr zur Rettung der Welt bei als derjenige, der sein Auto abschafft. Ohne massive Repressalien wird es nämlich sehr schwer, Menschen zu deutlichen Verhaltensänderungen zu bewegen. Ein Ingenieur hingegen, der eine klimafreundliche Alternative zu einer existierenden Technologie entwickelt, macht der Gesellschaft ein positives Angebot. 

 

Text: Johannes Winterhagen | Fotografie: Alexander Grüber


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