Transformation

Die Krise als Chance?

Covid-19 hat die gesamte Wirtschaft kalt erwischt. Niemand war darauf vorbereitet, von einem Tag auf den anderen nicht mehr reisen zu können, die Lieferkette zum Teil neu aufbauen zu müssen oder die Mitarbeiter ins funktionierende Home-Office zu schicken. Vier Unternehmen zeigen, wie ihre Entwicklung in der Krise verlief.

Ute Poerschke, Geschäftsführerin der Elschukom GmbH und Vorsitzende der ZVEI-Landesstelle Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

„Kundenbetreuung heute besser als vor der Pandemie“

In der Corona-Zeit stellte sich überraschenderweise unsere hohe Exportquote von rund 70 Prozent mit der größten Abnehmerregion Asien als Vorteil heraus. Zwar brach anfangs der Umsatz mit China ein, erholte sich dann aber wieder, während die europäischen Geschäfte litten. Unser Geschäftsverlauf ist deswegen insgesamt stabil, wenn auch leider etwas unter Vorjahresergebnis und Plan. Statt auf Kurzarbeit zu setzen oder aktiv Personal abzubauen, haben wir das reduzierte Arbeitsvolumen für eine Investition in die Zukunft genutzt: mit Online-Weiterbildungen, internen Schulungen und einer Verbreiterung des Wissens, indem wir Mitarbeitende immer dort eingesetzt haben, wo gerade viel Arbeit anstand. Außerdem haben wir weitere flexible Arbeitszeitlösungen entwickelt, um Familien mit Kindern zu unterstützen. Home-Office oder mobiles Arbeiten – bisher immer als unnötig und technisch zu komplex für Elschukom abgestempelt – war plötzlich innerhalb von wenigen Tagen möglich. Und unsere Kunden und Lieferanten? Sie profitieren ebenfalls: von Online-Schulungen und Video-Chats und, wie ich finde, einer Kundenbetreuung, die heute besser ist als vor der Pandemie.


Ralph Bronold, Deputy General Manager des Industry Segments „Development Industrial & Home Appliances” im TDK Vertrieb und Vorsitzender der Fachgruppe Passive Bauelemente im ZVEI

„Industrie-4.0-Konzepte schneller umgesetzt“

Bei TDK tun wir weltweit alles, um die Auswirkungen der Pandemie auf unsere Kunden auf ein Minimum zu reduzieren und gleichzeitig das Wohl der Beschäftigten nicht zu gefährden. Dazu haben wir unsere Abläufe in hohem Maße angepasst. Unsere Vertriebsmitarbeiter und unsere technischen Experten sind unter anderem per Video- und Webkonferenzen häufig aus dem Home-Office heraus für unsere Kunden sicher erreichbar. Unsere Werke laufen im New-Normal-Modus unter Berücksichtigung der AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) und weiterer Präventionsmaßnahmen. Außerdem haben wir in unseren Fabriken Industrie-4.0-Konzepte schneller umgesetzt – erstmalig haben wir zum Beispiel eine komplexe Maschine komplett mit Unterstützung durch Augmented Reality installiert, ohne dass Experten des Lieferanten in unserem Werk dabei waren. Darüber hinaus habe ich in meiner Funktion als Vorsitzender der ZVEI-Fachgruppe Passive Bauelemente gemeinsam mit Vertretern der Mitgliedsfirmen und der European Passive Components Industry Association (EPCIA) einen Appell an alle Regierungen formuliert und vorangetrieben, der klar machen soll: Passive Bauelemente sind systemrelevant!


Christian O. Erbe, Geschäftsführer der Erbe Elektromedizin GmbH und Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Elektromedizinische Technik

„Papierlos werden“

Vor Corona haben bei uns nur zwei von etwa 700 Mitarbeitern an den Produktionsstandorten von zu Hause aus gearbeitet. Wir waren ursprünglich sehr skeptisch gegenüber dem Home-Office. Das hat sich inzwischen geändert. Zeitweise war die Hälfte der Belegschaft auf diese Weise tätig. Die Erfahrungen sind überraschend positiv. So positiv, dass wir nun sogar unser neues Werk anders planen. Wir haben den Bürobereich um ein Drittel verkleinert, da es nicht mehr notwendig sein wird, einen Büroarbeitsplatz pro Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen. Um weitere flexible Arbeitszeitmodelle einzuführen, müssen wir papierlos werden. Dafür haben wir im Zuge unserer Digitalisierungsoffensive die meisten Mitarbeiter mit mobilen Endgeräten ausgestattet. Wir haben zudem auf Videokonferenzen gesetzt und werden diese auch in Zukunft für die Geschäfts- und Bilanzkonferenzen mit unseren mittlerweile 15 Tochterunternehmungen nutzen, die wir bisher immer im persönlichen Austausch vor Ort geführt haben. Wir sind dabei, ein hybrides Modell zu entwickeln, wie die Kommunikation mit deutlich geringerer Belastung für Mensch und Umwelt stattfinden kann. Ein solches System zu etablieren, rüstet uns auch für Krisenzeiten.


Johann Soder, COO von SEW-Eurodrive und Beirat des Fachbereichs „Elektrische Antriebe” des ZVEI

„Moderation statt Kontrolle“

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt, wie wir sie bisher kannten, auf den Kopf gestellt. Sie hat uns gezwungen, neue Führungskonzepte und die digitale Transformation noch schneller umzusetzen als geplant. Schon jetzt wird für uns sichtbar, dass modernes Führen Moderation statt Kontrolle und Freiräume statt Restriktionen erfordert. Dabei helfen uns Web-Videokonferenzen und neue Software für Kommunikation und Teamarbeit. Klar ist auch: Mit der zunehmenden Vernetzung und dem Austausch großer Datenmengen steigen die Anforderungen an die IT-Sicherheit. Anlagen und Produkte, aber auch Daten und Know-how müssen verlässlich vor unbefugtem Zugriff und Missbrauch geschützt werden. Große Sorgen bereitet uns, wie sich die globalisierte Weltwirtschaft entwickelt – kommen wir wieder zu lokalen Strukturen mit einem Hang zum Protektionismus? Wir müssen unsere Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit im Unternehmen zügig weiter ausbauen, damit wir schnell auf Veränderungen reagieren können. Daran arbeiten wir.

Text: Marc-Stefan Andres | Fotos: Foto Meffert / Elschukom, TDK, Erbe Elektromedizin GmbH, SEW-Eurodrive

 

Dieser Artikel ist in Ausgabe 4.2020 am 17. November 2020 erschienen.


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