Im Interview: Kurt Sievers, CEO NXP Semiconductors Germany GmbH

"Die nächsten zehn Jahre werden vom Edge Computing geprägt"

Leistungsstarke und energieeffiziente Prozessoren für Autos und Maschinen sind der Wachstumstreiber für die Mikroelektronik. Davon ist Kurt Sievers, CEO des Halbleiterherstellers NXP, überzeugt. Für die europäische Industrie kann dieser Trend zur großen Chance werden.

Anfang Juni. Kurt Sievers ist vor wenigen Tagen zum CEO von NXP berufen worden. Normalerweise liefe jetzt die 100-Tage-Schonfrist, in der keine Journalistengespräche geführt werden. Stattdessen wäre der Vorstandschef auf Achse, um weltweit Antrittsbesuche abzustatten – ein Plan, der wie vieles andere der Corona-Krise zum Opfer fiel. Doch Sievers ist entspannt: Er arbeitet seit rund 25 Jahren für das Unternehmen und kennt sowohl die wichtigsten Kunden als auch alle Standorte.

Herr Sievers, Sie arbeiten schon ein Vierteljahrhundert bei NXP. Lassen Sie uns gemeinsam auf ein paar markante Daten der Unternehmensgeschichte blicken. Beginnen wir mit dem 2. März 2015.

Da haben wir die Akquisition des US-amerikanischen Halbleiterherstellers Freescale bekannt gegeben. Der Zusammenschluss hat uns schlagartig in die Lage versetzt, komplette Lösungen anzubieten, die aus digitalen, analogen und funktechnischen Komponenten bestehen.

Am 6. Februar 2017 haben Sie dann das Geschäft mit Standardkomponenten an chinesische Investoren verkauft.

Auch das hat sich als richtig herausgestellt. Denn wir sind kein Hersteller von Katalogware. In diesem Segment differenzieren sich Unternehmen nicht über technische Innovationen, sondern über den Preis und das Management der Lieferketten.

Dann kam der 25. Juli 2018.

Das war der Tag, an dem Qualcomm und wir gemeinsam den geplanten Zusammenschluss absagten. Damals hatte die geopolitische Lage sich bereits so zugespitzt, dass wir keine Genehmigung aus China erhielten.

Aus europäischer Sicht kann man das auch als Glücksfall betrachten, denn dadurch haben wir die Unternehmenszentrale eines großen Halbleiterherstellers auf dem Kontinent behalten.

In der Tat ist es für uns heute in mancherlei Hinsicht von Vorteil – zum Beispiel, dass wir in China als europäisches Unternehmen auftreten können. Natürlich wollen chinesische Unternehmen ihre Mikroelektronik am liebsten von lokalen Zulieferern kaufen, aber in unseren spezifischen Marktsegmenten gibt es oft noch keinen ernsthaften chinesischen Wettbewerb. Wären wir heute Teil eines US-amerikanischen Unternehmens, würde es uns schwerer fallen, in China Geschäfte zu machen. Die Portfolio-Lücke im Bereich Connectivity, die wir mit dem Qualcomm-Deal schließen wollten, konnten wir übrigens durch einen Zukauf im vergangenen Jahr lösen.

Der technische Vorsprung gegenüber asiatischen Halbleiterherstellern liegt doch auch am Schulterschluss mit den europäischen Kunden – insbesondere in der Automobilindustrie, mit der Sie rund die Hälfte Ihres Umsatzes realisieren.

Tatsächlich sind die europäische und die deutsche Autoindustrie allen Unkenrufen zum Trotz extrem leistungsstark. Allerdings wäre der heimische Markt vom Absatzvolumen her zu klein, um die Innovationen zu refinanzieren – China produziert immerhin ein Drittel der Pkws weltweit, das ist für uns ein stark wachsender Markt. Wir dürfen außerdem das Silicon Valley in Sachen Innovation nicht außer Acht lassen, gerade wenn es um Elektromobilität und neue Mobilitätskonzepte geht. In diesem Dreiklang lässt es sich gut leben.

„Wir haben in Europa den großen Vorteil, dass wir alle Prozessstufen beherrschen: von Materialien für Halbleiter bis zu den Endprodukten wie Autos oder Maschinen, in denen die Mikroelektronik genutzt wird.”

Kurt Sievers

Im Zuge der Corona-Pandemie wird zunehmend über die technologische Souveränität Europas diskutiert. Wie verträgt sich das mit den globalen Lieferketten in der Mikroelektronik?

Wenn mit „Souveränität“ gemeint ist, dass wir die Globalisierung zurückdrehen sollten, halte ich das für die falsche Diskussion. Zweifellos machen wir derzeit Rückschritte, sowohl durch angespannte Handelsbeziehungen als auch durch die Corona-Pandemie. Ich glaube aber, dass Innovationen für die Weltgesellschaft – ob es um nun weniger CO2-Emissionen oder weniger Tote im Straßenverkehr geht – schneller entwickelt würden, wenn wir global wieder so zusammenarbeiten, wie es bis vor drei, vier Jahren üblich war. Das liegt schlicht daran, dass wir bei den großen Herausforderungen unserer Zeit schneller zu Lösungen kommen, wenn mehrere global tätige Unternehmen zusammenarbeiten.

Die Situation ist nun aber, wie sie ist. Was sollte Europa in dieser Situation tun?

Wenn wir uns auf die vertikale Integration unserer Wertschöpfungsketten konzentrieren, können wir eine Menge erreichen. Wir haben in Europa den großen Vorteil, dass wir alle Prozessstufen beherrschen: von Materialien für Halbleiter bis zu den Endprodukten wie Autos oder Maschinen, in denen die Mikroelektronik genutzt wird. Damit haben wir einen klaren Vorteil gegenüber China und den USA. Stark und unabhängig in der Welt aufzutreten, ist gut; nicht aber sich abzuschotten. Denn Halbleiterhersteller müssen skalieren können. Wenn Infineon, ST und wir nur den europäischen Markt bedienen könnten, wären Innovationen viel schwieriger zu refinanzieren.

Wie kann die Politik die vorhandenen Stärken noch weiter festigen?

Ich beginne mal damit, was wir aus meiner Sicht nicht machen sollten. Es ist sinnlos, noch einmal über Speichertechnologien nachzudenken – der Zug ist wirklich abgefahren. Und auch im Cloud-Processing wird die europäische Mikroelektronik keinen Fuß auf den Boden bekommen. Das muss sie aber auch nicht, denn die nächsten zehn Jahre werden von Edge Computing geprägt sein – so wie die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre von mobilen Endgeräten und Cloudcomputern. Für Edge Com­puting haben wir ein fantastisches Portfolio – und mit uns meine ich nicht nur NXP, sondern die gesamte europäische Industrie.

Ist denn die Industriepolitik in Europa auf dem richtigen Weg, um das Edge Computing zu fördern?

Wir sollten uns nicht übermäßig auf die Industrialisierung fokussieren. Es gibt in Europa noch immer den Glauben, dass ein richtiges Unternehmen alles selbst fertigt. Das ist für die Mikroelektronik so nicht korrekt. Wer Geld vor allem für Halbleiterfabriken ausgibt, tut dies an der falschen Stelle, denn der Mehrwert für die heimische Industrie ist beschränkt. Davon ausgenommen sind Spezialprodukte, etwa in der Leistungselektronik. Das Geld wäre besser angelegt, wenn wir Forschung und Entwicklung gezielter fördern würden.

In welchen Bereichen lohnt es sich, die Forschung zu intensivieren?

Dort wo wir bereits in der kompletten Wertschöpfungskette stark sind, also vor allem in Automobil- und Industrieanwendungen.   

Wenn Sie als EU-Kommissar dreimal eine Milliarde ausgeben könnten, in welche Felder würden Sie investieren?

Zunächst in das Edge Computing mit sehr geringem Energiebedarf, also maximale Prozessorleistung ohne aktive Kühlung – das ist sowohl für Auto- als auch für Industrieanwendungen künftig extrem wichtig. Des Weiteren bin ich davon überzeugt, dass Leistungselektronik mit hohem Wirkungsgrad in allen Hochvoltanwendungen ein wichtiges Feld ist – hier kommt neuen Materialien wie Silizium­karbid eine Schlüsselrolle zu. Drittens würde ich in „Mixed-Signal“-Anwendungen investieren, also in alles, was analoge und digitale Signale verarbeiten kann. Denn beim Edge Computing ist die Mikroelektronik immer Teil der physischen Welt – gerade ­darin liegt ja der Unterschied zu einem Rechenzentrum.

In diesen Feldern braucht es dann ja nicht nur Spitzenforschung, sondern auch ausreichend hochqualifiziertes Personal. Finden Sie das aktuell in Europa?

Sicheres Edge Computing hat zwei Voraussetzungen: einerseits die Cybersicherheit, andererseits die funktionale Sicherheit. Experten in diesen Bereichen sind so rar, dass wir froh sind, wenn wir sie irgendwo auf der Welt finden – und dann stellen wir sie auch ein. Wir versuchen dabei allerdings schon, lokale Teams mit eigenen Schwerpunkten zu bilden.

Das heißt, Regionen, die über entsprechende Universitäten verfügen, haben auch höhere Chancen, dass Sie sich dort niederlassen?

Ja, sofern es sich um eine industrienahe und praxis­orientierte Hochschule handelt. Allerdings lässt sich so etwas nicht kurzfristig aufbauen, indem man ein, zwei Lehrstühle finanziert. Erfolgreiche Cluster aus Wissenschaft und Industrie sind oft über Jahrzehnte gewachsen.

Bietet Europa denn das richtige Innovationsklima für Ihre Branche?

Wenn wir die komplette Wertschöpfungskette ab­bilden, dann wäre es natürlich ideal, wenn die Konsumenten in Europa etwas experimentierfreudiger wären. Denken Sie mal an die Geschwindigkeit, mit der hierzulande vor Covid-19 das kontaktlose Zahlen akzeptiert wurde. Es ist zwar erfreulich, dass sich das jetzt sprunghaft verändert, andererseits aber auch traurig, dass es dafür erst eine Pandemie braucht. Noch wichtiger ist allerdings, dass wir uns als Europäer betrachten. Die Förderprogramme, die wir hier diskutieren, könnten wir allein aus Deutschland heraus nicht finanzieren. Das wäre hoffnungslos! Jetzt, da die Spannungen zwischen China und den USA eskalieren, ergeben sich neue Chancen für uns Europäer, aber eben auch nur gemeinsam.

Stellen wir uns zum Ende noch einmal ein Datum vor: den 1. Januar 2030. Wo steht die europäische Mikroelektronik dann?

Auf jeden Fall ist sie noch vorhanden. Wenn wir alles richtig gemacht haben, hat sie eine führende Stellung im Edge Computing und den Mixed-Signal-Technologien. Mehr als 50 Prozent der Ingenieure, die in der Mikroelektronikbranche arbeiten, sind Software-Ingenieure. Und NXP ist dann die Nummer 1 in seinen Märkten, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Ganz schön optimistisch.

Mit Negativvisionen beschäftige ich mich gar nicht.


Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Sievers.

 

Text: Johannes Winterhagen | Fotografie: Matthias Haslauer


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