Grenzüberschreitung

Etwas Chaos und viel Chuzpe

Das Know-how israelischer Start-ups ist bei deutschen Unternehmen gefragt – insbesondere, wenn es um Künstliche Intelligenz oder Cybersicherheit geht. Doch was steckt hinter der Gründerwelle im Silicon Wadi? 

Tröpfchenbewässerung, USB-Sticks, Systeme für autonomes Fahren – alle diese Ideen haben eines gemeinsam: Israelische Forscher sind in deren Entwicklung involviert. Inzwischen gehört Israel nicht nur zu den weltweit führenden Zentren der Hochtechnologie. Das Land ist auch zu einer Nation der Start-ups geworden. Israel ist zwar kleiner als Baden-Württemberg. Aber es zieht pro Kopf mehr Wagniskapital an als jedes andere Land der Erde. Das wiederum macht den Standort für multinationale Unternehmen interessant. Mehr als 300 Konzerne unterhalten Entwicklungszentren im sogenannten Silicon Wadi, im Dreieck zwischen Tel Aviv, Haifa und Jerusalem. Dort suchen sie Zugang zu den Innovationen Israels – und zu den Köpfen dahinter. Unter ihnen finden sich deutsche Autobauer ebenso wie amerikanische Tech-Giganten.

Auch während der Corona-Krise blieben israelische Start-ups auf Wachstumskurs. Die Epidemie habe die Durchdringung des Lebens mit dem Internet beschleunigt, sagt Yossi Vardi, einer der bekanntesten Tech-Unternehmer Israels. High-Tech-Firmen mobilisierten deshalb im vergangenen Jahr Rekordsummen. Und die Boomphase hält an. Im ersten Quartal 2021 sammelten innovative Jung-Unternehmen mehr als das Doppelte der Summe ein, die ihnen in den ersten drei Monaten 2020 zugeflossen war, nämlich 5,5 Milliarden Dollar.

 

Über die Gründe des Innovationserfolgs hat die Unternehmerin Inbal Ariel ein Buch geschrieben. Sie fasst den Schlüsselbegriff für Israels Start-up-Mentalität mit „Chuzpah“ (eingedeutscht „Chuzpe“) zusammen. Damit verbindet sie ein „mutiges, ehrgeiziges Denken, auch Dreistigkeit und Unverfrorenheit“. Gründer müssten auch einmal forsch auftreten, wenn sie etwas Positives erreichen wollten, ist sie überzeugt. Vor allem: Sie dürften keine Angst haben, Fehler zu machen. Dass die Gründerin Ariel zuvor in der für elektronische Aufklärung zuständigen Eliteeinheit 8200 diente, ist kein Zufall. Als komparativen Vorteil Israels auf den globalen Märkten nennen Experten die enge Kooperation des zivilen Sektors mit dem Militär, das sich auch als Innovationsmotor versteht. Israels Ökosystem steht, anders als in vielen anderen Staaten, auf drei Pfeilern: Nicht nur akademische Forschung und Industrie gehören dazu, sondern auch das Verteidigungsministerium. Es beauftragt die Privatwirtschaft mit militärischen Projekten und versorgt die Unternehmen mit Budgets. Innerhalb der High-Tech-Industrie gehört Künstliche Intelligenz zu den Wachstumssektoren. Derzeit sind rund 1.150 Firmen in diesem Sektor tätig, sie entwickeln unter anderem Lösungen für höhere Cybersicherheit und autonomes Fahren. 

Israels Stärke liegt in Technologien, die klassische Industrieprodukte ergänzen, nicht aber ersetzen. Deshalb arbeiten auch deutsche Unternehmen immer wieder eng mit israelischen Partnern zusammen. So liefert Mobileye aus Jerusalem Kamerasysteme für Roboterautos aus deutscher Produktion. Das ehemalige Start-up, 1999 gegründet, heute eine Intel-Tochter, führt Sensordaten zusammen, die Kameras und Radare liefern. Israelische Firmen sind führend in dieser Disziplin, nicht zuletzt wegen der intensiven Forschung an militärischen Drohnen. Die Fähigkeit, die Umgebung exakt zu erfassen und das maschinelle Verhalten anzupassen, gilt in der Autoindustrie als Schlüsseltechnologie. Die Entwicklung von Mobilitätsdienstleistungen leitet bei Mobileye ein Deutscher: Johann Jungwirth, zuvor für Daimler, Apple und Volkswagen tätig.

In Deutschland sei „der Mittelstand eine Stärke, die man weder in Kalifornien noch in Israel antrifft“, sagt Jungwirth. Die DNA israelischer Tech-Unternehmen beschreibt er mit hoher Geschwindigkeit und der Bereitschaft, groß zu denken. Auch seien die Gründer in Israel sehr stark vernetzt, und wenn man jemanden kontaktieren möchte, „dann gibt es immer jemanden, der einen kennt, der einem weiterhelfen kann“. Israels Start-up-Szene sei zudem geprägt von Mut, Risikofreude, Geschwindigkeit und Spaß an der Tätigkeit. „Nicht nur reden, sondern auch handeln – das ist genau so, wie ich es aus dem Silicon Valley kenne“, meint Jungwirth. Es sind eben nicht nur staatliche Investitionen, die den Weg für privates Kapital ebnen. „Lösungsorientiert und fokussiert auf die Umsetzung – und das alles mit relativ geringen Mitteln“, so beschreibt der deutsche Manager den Unternehmergeist in seiner Wahlheimat.
 

Text Pierre Heumann, Tel Aviv | Graphik ZVEI/ iStockphoto.com/ Blue Planet Studio, shutterstock.com/ Oleksiy Mark, shutterstock.com/Daniel Reiner

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.2021 am 25. August 2021 erschienen.



Erschienen in dieser Ausgabe 3.2021

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