PFAS in der Elektro- und Digitalindustrie

Schon seit einigen Jahren wird in der Europäischen Union über eine umfassende Beschränkung von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) unter REACH diskutiert. Die vorgeschlagene Beschränkung soll Emissionen von PFAS in die Umwelt drastisch senken und dadurch Risiken für Umwelt und Gesundheit reduzieren.

PFAs sind außergewöhnlich haltbar (persistent), sie bauen sich nicht ab, wenn sie in die Umwelt gelangen, und nicht alle PFAS sind so ungefährlich wie Fluorpolymere, die auch beschränkt werden sollen. Der jetzige Vorschlag umfasst eine sehr große und heterogene Stoffgruppe und ebenso viele Anwendungen in der Elektro- und Digitalindustrie. Weitreichende negative Auswirkungen auf industrielle Wertschöpfungsketten, Schlüsseltechnologien und die Umsetzung der europäischen Klima- und Digitalziele sind zu befürchten.

Der ZVEI unterstützt das Ziel, Risiken für Natur und Gesundheit zu reduzieren. Gleichzeitig muss die Regulierung aber verhältnismäßig, zielgerichtet und risikobasiert gestaltet sein. 

ZVEI-Factsheets zu PFAS

Die sehr komplexe PFAS-Regulierung wirkt sich in unterschiedlichen Bereichen der Elektro- und Digitalindustrie in vielfältiger Weise aus. Um dieser Komplexität Rechnung zu tragen, hat der ZVEI gemeinsam mit seinen Mitgliedsunternehmen sektorale Factsheets erarbeitet.

Diese zeigen konkrete Anwendungen von PFAS entlang der Wertschöpfungskette sowie technische Anforderungen und Gründe für den Einsatz. Darüber hinaus sammeln die Factsheets Informationen zur bisher verfügbaren Alternativen und nennen potenzielle Auswirkungen eines Verbots.

Die Factsheets leisten damit einen faktenbasierten Beitrag zur laufenden Diskussion. Sie sollen sowohl für Poltik und Behörden als auch für betroffene Unternehmen eine Orientierungshilfe in der Vielfalt der PFAS-Anwendungen sein:

PFAS in Batteries (EN)

PFAS in Cables (EN)

PFAS and Consumer Electronics (EN)

PFAS and Electrical Connectors (EN)

PFAS in elektrischen Antrieben (DE)

PFAS in Electrical Installation Systems (EN)

PFAS in Electrical Power Transmission & Distribution Equipment (EN) 

PFAS in Electric Welding Equipment (EN)

PFAS in elektrischen Hausgeräten (DE)

PFAS in PAMCo (EN)

PFAS in Passive Electrical Components (EN)
PFAS in passiven elektrischen Bauelementen (DE)

PFAS in Power Tools (EN)

PFAS and Process Supporting Substances (EN)

PFAS and Semiconductors

PFAS-Regulierung im Überblick

Bedeutung von PFAS für die Elektro- und Digitalindustrie

PFAS – insbesondere Fluorpolymere – sind in zahlreichen Anwendungen bisher unverzichtbar, weil sie eine einzigartige Kombination technischer Eigenschaften bieten. Oft sind sie daher nicht durch andere Substanzen substituierbar, ohne dass wichtige Eigenschaften von Produkten wegfallen würden. Dazu zählen unter anderem:

  • hohe Temperatur- und Chemikalienbeständigkeit
  • elektrische Isolation und Durchschlagsfestigkeit
  • geringe Reibung und hohe Langlebigkeit
  • Stabilität unter extremen Betriebsbedingungen

Diese Eigenschaften sind in vielen Fällen Voraussetzung für Sicherheit, Zuverlässigkeit und Lebensdauer von Produkten. So sind PFAS beispielsweise relevant für:

  • Halbleiter und Mikroelektronik
  • Energieübertragung und Stromnetze
  • Batterien und Energiespeicher
  • industrielle Automatisierung und Prozessmesstechnik
  • Elektrowerkzeuge und andere Konsumgüter

In vielen dieser Anwendungen existieren derzeit keine technisch und wirtschaftlich tragfähigen Alternativen.

Stand des ECHA-Verfahrens (Mai 2026)

Das bereits seit 2023 laufende PFAS-Beschränkungsverfahren bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA hat eine entscheidende Phase erreicht. Der Ausschuss für Risikobewertung (RAC) hat seine Stellungnahme inzwischen final verabschiedet. Darin spricht sich das Gremium grundsätzlich für eine umfassende EU-weite Beschränkung von PFAS aus und begründet dies mit der hohen Persistenz der Stoffe, ihrer weiten Verbreitung in der Umwelt sowie möglichen Gesundheitsrisiken.

Für Anwendungen, die vorübergehend weiter zulässig bleiben sollen, empfiehlt der RAC zusätzliche Anforderungen wie Emissionsmonitoring, PFAS-Managementpläne oder Informationspflichten entlang der Lieferkette. Parallel dazu hat der Ausschuss für sozioökonomische Analyse (SEAC) den Entwurf seiner Stellungnahme veröffentlicht. Auch der SEAC unterstützt grundsätzlich eine weitreichende Regulierung, sieht jedoch gezielte Ausnahmen und Übergangsregelungen als notwendig an.

Die ECHA hat hierzu eine weitere öffentliche Konsultation gestartet, die bis Ende Mai 2026 abgeschlossen werden soll. Bis Ende 2026 will der SEAC seine endgültige Stellungnahme verabschieden. Anschließend übermittelt die ECHA die finalen Bewertungen an die Europäische Kommission, die darauf aufbauend einen konkreten Beschränkungsvorschlag erarbeiten muss. Dieser wird anschließend im REACH-Ausschuss mit den EU-Mitgliedstaaten beraten und abgestimmt.

Der ZVEI begleitet das Verfahren seit Beginn intensiv und hat sich mit mehreren anwendungsspezifischen Beiträgen in die Konsultationen eingebracht. Aus Sicht der Elektro- und Digitalindustrie bleibt das Verfahren jedoch weiterhin mit erheblichen Unsicherheiten verbunden.

Kritisch bewertet werden insbesondere die hohe Komplexität des Dossiers, die Vielzahl noch offener Anwendungsfälle sowie unklare Definitionen und Anforderungen. Der ZVEI fordert deshalb einen risikobasierten und differenzierten Regulierungsansatz, der Anwendungen mit tatsächlichem Emissions- oder Expositionsrisiko priorisiert und technologische Schlüsselanwendungen angemessen berücksichtigt.

ZVEI-Position zur PFAS-Regulierung

Besonders wichtig sind aus Sicht der Elektro- und Digitalindustrie praktikable Ausnahmeregelungen und ausreichend lange Übergangsfristen. Viele PFAS-Anwendungen in der Elektro- und Digitalindustrie – etwa in der Halbleiterfertigung, Energieinfrastruktur, Automatisierung oder Medizintechnik – sind derzeit nicht oder nur schwer substituierbar. 

Aus Sicht des ZVEI ist ein pauschales Verbot nicht geeignet, die angestrebten Umweltziele effizient zu erreichen. Stattdessen sollte die Regulierung:

  • auf tatsächlichen Risiken und Emissionspfaden basieren
  • Anwendungen differenzieren (z. B. geschlossene vs. offene Systeme)
  • Fluorpolymere gesondert betrachten, da sie sich deutlich von anderen PFAS unterscheiden
  • nur dort eingreifen, wo nachweislich ein Risiko besteht und Alternativen verfügbar sind
  • ausreichend Übergangsfristen und Planungssicherheit gewährleisten

Andernfalls besteht die Gefahr unbeabsichtigter Folgen für industrielle Lieferketten und die kritische Infrastruktur sowie für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Europa. Eine zu weitgehende Beschränkung könnte zentrale Technologien der Energie- und Digitaltransformation empfindlich beeinträchtigen.