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28.04.2026
Um die Globalisierung ist es seit geraumer Zeit bekanntlich eher nicht gut bestellt. Tarifäre und nicht-tarifäre Handelshemmnisse behindern den grenzüberschreitenden Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Gleichzeitig erschweren verschärfte Maßnahmen gegen Migration die Wanderung von Arbeitskräften über Landesgrenzen hinweg. Weniger Beachtung in der öffentlichen Wahrnehmung findet der internationale Kapitalverkehr. Wie sieht es hier eigentlich aus?

Freier Kapitalverkehr ist selbst unter Ökonomen umstritten. Entfesselt kann er Spekulanten anlocken und so ganze Volkswirtschaften destabilisieren. Er kann Wechselkurse verzerren oder Ungleichgewichte hervorrufen, etwa zwischen den Vermögenswerten eines Landes in heimischer und seinen Verbindlichkeiten in fremder Währung.
Der Frage, ob die weltweite Kapitalmobilität in unserer derzeitigen Ära des zunehmenden Nationalismus nachgelassen hat, kann man sich zunächst einmal nähern, indem sämtliche Auslandsforderungen, die in der Welt sind, einfach aufaddiert werden. Laut der amerikanischen Brookings Institution belief sich diese Summe 2024 auf 227 Billionen US-Dollar bzw. 204 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Damit hätte sich seit 2007, als der entsprechende Anteil bereits bei 201 Prozent lag, tatsächlich nicht mehr viel getan. Allerdings: So wie Warenströme nicht allein durch Zölle beeinflusst werden, sondern durch ganz viele weitere Faktoren, so werden Kapitalbewegungen nicht allein von Kapitalverkehrskontrollen gesteuert. Mit anderen Worten: Nur aufs Ergebnis zu schauen, könnte zu kurz greifen, weil damit kaum erfassbar ist, ob Regierungen dem Kapitalfluss zuletzt nun mehr Fesseln angelegt haben oder nicht.
Kapitalverkehrskontrollen zu messen, ist wiederum auch nicht trivial. Zwei jüngere Analysen, jeweils auf Grundlage einschlägiger Publikationen des Internationalen Währungsfonds (IWF), haben sich dieser Aufgabe gewidmet.
In der ersten werden diesbezügliche Maßnahmen – in insgesamt 181 Ländern – in dutzende Unterkategorien zerlegt – etwa ob Ausländer ohne weiteres inländische Wertpapiere kaufen können oder ob Inländer problemlos ein Fremdwährungskonto eröffnen können oder ob Exporteure einen Teil ihrer Erlöse an den Staat abführen müssen, usw. Darauf aufsetzend wird dann ein Index gebildet, welcher die Restriktionen im Kaitalverkehr misst, und zwar schlicht als Anteil der Untermaßnahmen, für die was auch immer für Beschränkungen gelten.
Hier kommt raus, dass in der Zeit von 1999 bis 2010 stetig Kapitalverkehrskontrollen abgebaut worden sind. Mit der europäischen Schuldenkrise endete dies vorübergehend. Zwischen 2016 und 2019 wurden dann aber wieder Hürden abgebaut. Zuletzt erlebten die Kontrollen allerdings ein Comeback. Seit 2019 haben 41 Staaten Kapitalrestriktionen wieder ausgeweitet.
Die zweite Untersuchung – für 189 Länder – zählt Kapitalverkehrskontrollen nicht bloß, sondern versucht sich auch an einer Abschätzung ihrer jeweiligen Eingriffsintensität. Auch hier mündet das Ganze am Ende in einen Index. Interessant: Zu den für Kapital offensten Volkswirtschaften zählen Andorra, Panama, aber auch das bitterarme Liberia. Bhutan ist am restriktivsten.
Die beiden größten Schwellenländer – China und Indien – sind weniger offen für rein- und rausfließendes Kapital als der Durchschnitt. Lediglich vier Länder, die reicher sind als China, sind geschlossener als die Volksrepublik, nämlich Argentinien, Aruba, die Bahamas und Russland. China hat seit 1999 über 150-mal an seinen Kapitalverkehrskontrollen rumgeschraubt, Indien sogar mehr als 300-mal, getoppt nur noch von Argentinien. Immerhin wurde dabei meist gelockert. Das heißt aber auch: Zwei der weltweit größten Volkswirtschaften globalisieren sich eher weiter, wenn auch graduell.
Ein Fazit ist tatsächlich schwierig. Vielleicht ist es einfach so: Dass Kennzahlen messen wollen, der internationale Kapitalverkehr liberalisiere sich nicht weiter, liegt weniger daran, dass große Volkswirtschaften sich nicht mehr öffneten. Vielmehr haben die weniger offenen Länder inzwischen einfach mehr Gewicht.
Dr. Andreas Gontermann
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