Zwiegespräch

„Einfach machen“

Wenn es um Digitalisierung in Deutschland geht, ist viel vom Sollen und Wollen die Rede. Dass das nicht reicht, da sind sich Dr. Anna Christmann, für Bündnis90/Die Grünen im Bundestag, und Cedrik Neike, Vorstandsmitglied bei Siemens und Vizepräsident des ZVEI, völlig einig. Im Zwiegespräch diskutieren sie die wichtigsten Schritte in dieser Legislaturperiode.

 

In Umfragen sagt rund die Hälfte aller Deutschen: Digitalisierung dient vor allem der Wirtschaft, nicht aber der Gesellschaft.
Christmann: Vielleicht ist diese Wahrnehmung geprägt durch große US-Konzerne, die in Europa keine Steuern zahlen. Demgegenüber sind Anwendungen, die tatsächlich einen großen gesellschaftlichen Fortschritt bringen, zu wenig sichtbar. Mich persönlich treibt es an zu zeigen, welchen Mehrwert Digitalisierung für den Klimaschutz oder im Gesundheitswesen schaffen kann. Wenn Krebs besser zu heilen ist, weil Therapiedaten getauscht werden, ist das ein sehr konkreter Fortschritt!
Neike: Ein anderes Beispiel: Unser Werk in Amberg haben wir in den vergangenen Jahren konsequent digitalisiert, es ist heute eine der modernsten Fabriken der Welt  – ausgezeichnet als Leuchtturmprojekt durch das Weltwirtschaftsforum. Dennoch – oder gerade deshalb – arbeiten dort heute genauso viele Beschäftigte wie in den 1980er-Jahren. Nicht die Arbeit geht uns aus, sondern die Fachkräfte!

 

Wie kann Digitalisierung zu größerer Nachhaltigkeit beitragen?
Neike: Wir hatten uns zunächst das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu werden. Als wir dann mit der Umsetzung begannen, haben wir gemerkt: Aus der Fabrik selbst stammen nur 20 bis 30 Prozent des CO2, der Rest kommt aus der Lieferkette. Die große Herausforderung besteht darin, genau nachvollziehen zu können, wie der CO2-Fußabdruck einzelner Bauteile aussieht. Deshalb nutzen wir eine spezielle, besonders energieeffiziente Blockchain. Am Ende dieser Entwicklung werden wir für jede Kugel Eis genau nachvollziehen können, welche Klimawirkung sie hat – und das auch dem Verbraucher mitteilen können.
Christmann: Das Beispiel zeigt, dass die Debatte darüber, wofür wir eigentlich Digitalisierung brauchen, völlig überholt ist. Es gibt eine große Anzahl von Umweltprojekten, die nur mit digitalen Technologien umsetzbar sind. Dazu gehört beispielsweise der digitale Produktpass, der auch den CO2-Fußabdruck enthält. Das gilt aber auch für die Energiewende, die eine intelligente Steuerung von Erzeugungsanlagen und Netzen erfordert. Digitalisierung bietet eine enorme Chance für gesellschaftlichen und zivilisatorischen Fortschritt. Es wäre fatal, das nicht zu nutzen!

In vielen Punkten – etwa den smarten Strom-netzen – wird politisch schon lange gewollt. Wird nun aus dem Wollen wirklich Handeln?
Christmann: Es gab viele Strategien in der Vergangenheit. Wir müssen es nun einfach machen, auch wenn es sich teilweise um große Baustellen handelt. Die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Behörden überhaupt Daten austauschen oder gemeinsame Datenbanken nutzen dürfen, ist eine solche Baustelle. Aber wir dürfen damit Nichthandeln nicht entschuldigen, sondern müssen Schritt für Schritt vorangehen. Die Bundesregierung will bewusst neue Akteure wie das Dateninstitut oder eine neue Innovationsagentur schaffen, die agiler arbeiten können als das Behörden klassischerweise tun.

Besonders agil sind Start-ups. Doch da schneidet Deutschland im internationalen Vergleich auch nicht so günstig ab.
Neike: Als jemand, der lange für ein US-amerikanisches Unternehmen gearbeitet hat, muss ich zunächst sagen: Deutschland hat große Fortschritte gemacht, insbesondere in den Regionen Berlin und München. Aber wir sollten nach Frankreich schauen, wo in den vergangenen zwei, drei Jahren sehr viel Geld in den Deep-Tech-Bereich1 geflossen ist. Damit ist eine Voraussetzung dafür geschaffen, dass europäische Forschungsinstitute nicht nur hervorragende Fachleute ausbilden, sondern dass diese anschließend auch hierbleiben.

Christmann: Wir haben das Thema auf dem Schirm. Unsere Start-up-Strategie soll bis zum Sommer stehen. Ein Schwerpunkt werden Deep-Tech-Gründungen und deren Finanzierung darstellen. Dabei ist es unser Ziel, Ausgründungen aus Hochschulen leichter zu machen und Kapital dafür zur Verfügung zu stellen. Zudem wollen wir es leichter machen, internationale Talente ins Unternehmen zu holen. Das sind wichtige Punkte für einen attraktiven Start-up-Standort Europa, die wir sofort angehen wollen.
Neike: Ergänzend dazu wäre darüber nachzudenken, ob nicht über die staatliche Beschaffung ebenfalls Innovationen getrieben werden können.
Christmann: Es wäre gut, wenn wir öffentliche Aufträge häufiger an Start-ups vergeben. Für Start-ups ist es doch viel mehr Wert, einen Auftrag zu erhalten als einen Förderzuschuss. Allerdings wissen wir ehrlicherweise momentan nicht einmal, wie häufig das schon passiert, weil es dazu keine Statistik gibt.

Wenn wir in Deutschland alles richtig machen, wo stehen wir dann in Sachen Digitalisierung im Jahr 2030?
Christmann: Wir sollten in der Lage sein, beispielsweise durch geeignete Daten-Infrastrukturen, die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimaschutz oder demographischen Wandel besser zu meistern, indem wir digitale Technologien anwenden. Menschen auf der ganzen Welt sollten sagen: Ich gehe nach Europa, denn dort werden die Ideen der Zukunft entwickelt. Das muss unser Anspruch sein. 
Neike: Energiewende und Industrie 4.0 kamen aus Deutschland, einem vergleichsweise kleinen Land. Wenn wir es schaffen, dass wir dafür auch die digitale Infrastruktur und die Plattformen haben, dann bekommen wir noch sehr viel mehr hin! Und wenn wir uns in Europa noch stärker synchronisieren, gilt das erst recht.
Christmann: Es ist auch unsere Aufgabe, als Europäer zu zeigen, dass es in der Digitalisierung einen dritten Weg gibt.
Neike: Ein einzelnes Land wird es nicht schaffen, ganz richtig!

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Text Johannes Winterhagen | Fotos Siemens AG / Deutscher Bundestag/Inga Haar

 

Dieser Artikel wird in der Ausgabe 1.+2..2022 am 17. Mai 2022 erscheinen.



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