Heißes Eisen

„Wir brauchen einen Plan!“

Eine Energiewende ist nicht ohne Leistungselektronik möglich. Doch wenn nichts passiert, droht Europa auch auf diesem Gebiet der Verlust der technologischen Souveränität. Deshalb ruft Semikron-Geschäftsführer Bernd Enser die neue Bundesregierung dazu auf, einen Fahrplan zu entwickeln.

 

Bernd Enser ist ein fränkisches Urgestein. Deshalb führte ihn sein beruflicher Weg nach langer Zeit bei einem US-amerikanischen Fertigungsdienstleister wieder zurück nach Franken. Im Jahr 2018 trat der Elektrotechniker und Diplom-Betriebswirt bei Semikron in Nürnberg als Chief Operations Officer (COO) an. Mit 3.000 Beschäftigten ist das Unternehmen einer der weltweit führenden Hersteller von Leistungselektronikkomponenten und -systemen. Die Produkte sind das Herz moderner, energieeffizienter Motorantriebe und industrieller Automatisierungssysteme. Unverzichtbar sind sie zudem für die Energie- und Verkehrswende. Enser erläutert: „Leistungselektronik wird vorrangig eingesetzt, um elektrische Energie effizient zu regeln und umzuformen. Das macht sie zur Schlüsseltechnologie, wenn es darum geht, Zukunftsaufgaben zu lösen, wie global Energie einzusparen, Emissionen zu mindern, erneuerbare Energie zu erzeugen oder Elektro- und Hybridfahrzeuge zu entwickeln.“

Enser freut sich, dass die Bundesregierung klare Ziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien und zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen im Verkehr definiert hat. Er befürchtet aber, dass sich die Vorgaben nicht erfüllen lassen, wenn es nicht gelingt, Deutschland als Standort für Anbieter von Leistungselektronik zu erhalten. „Diese ist der Enabler für die Technologien, die wir für die Verkehrs- und Energiewende brauchen“, mahnt Enser. Da in der Halbleiterfertigung in den vergangenen Jahrzehnten aber so viele Produktionskapazitäten und mit ihnen Kompetenzen in der Entwicklung von Chips und ihrer Herstellung von Europa nach Asien abgeflossen seien, laufe Deutschland in der Leistungselektronik Gefahr, technologische Souveränität zu verlieren. „Bei diesem Technologieabfluss steht die Uhr auf kurz vor zwölf“, warnt Enser.

Von der Bundesregierung wünscht er sich daher, dass sie nicht nur von ihren klimapolitischen Zielen her denkt und handelt, sondern konkret auch den Weg und die Ressourcen zu diesem Ziel beschreibt. Dazu müssten sich Politiker tief in die Halbleiterwertschöpfung einarbeiten. Nur dann verstehen sie, wieso Unternehmen die für den Klimaschutz nötigen Technologien nur entwickeln und herstellen können, wenn unter anderem die Energiepreise in Deutschland wettbewerbsfähig sind. Zudem müsse der arbeitsrechtliche Rahmen stimmen. Genehmigungsverfahren im Baurecht, aber auch bei der Forschungs- und Investitionsförderung sollten schlank und schnell ablaufen. „Bürokratie verursacht in Deutschland Standortkosten, die wir drastisch senken müssen“, fordert Enser. Politiker müssten auch verstehen, wie Hersteller, Zulieferer, Forschung und Logistik in der Halbleiterbranche vernetzt sein müssen, wofür sie Förderung und welche Infrastruktur sie brauchen. 

„Wenn klar ist, was die Halbleiterbranche braucht, muss ein auf zehn, besser zwanzig Jahre angelegter Fahrplan erstellt werden, der pragmatisch und praxisnah beschreibt, wie wir die erforderlichen Bedingungen schaffen werden, um die deutsche Halbleiterindustrie wieder aufzubauen“, ergänzt Enser. Auf diesem Weg ließen sich gegenwärtige und künftige Fördervorhaben so zielgerichtet umsetzen, dass sie den größtmöglichen Hebel entfalten. Vorausgesetzt, die Politik halte an dem Plan über Regierungswechsel und Legislaturperioden hinaus fest. „Wir können es uns nicht leisten, nur in Vier-Jahres-Zyklen zu denken“, warnt Semikron-COO Bernd Enser. Entscheidend sei, dass eine Task Force die Arbeit an dem Fahrplan noch in der aktuellen Legislaturperiode aufnehme. Dann könnte innerhalb von zwölf bis 15 Monaten ein Konzept vorliegen, das sich in den folgenden zwei Jahren umsetzen lasse. „Bis 2025 oder ’26 könnten wir die deutsche Halbleiterbranche dann so stärken, dass sie wieder ein stabiles Fundament für unsere klima-, energie- und verkehrspolitischen Ziele abgibt und wir bei deren Erreichung nicht von Technologielieferanten in Asien abhängig sind“, erwartet Enser. Wenn die Bundesregierung für eine solche Arbeitsgruppe externe Expertise benötige, müsse sie nur fragen, wer sie unterstützt. „Sie wird bei Unternehmen und Verbänden auf gewaltige Hilfsbereitschaft stoßen“, versichert der Semikron-Geschäftsführer.

„Wir können es uns nicht leisten, nur in Vier-Jahres-Zyklen zu denken.“

Bernd Enser, Semikron

Besonders aussichtsreich wären Enser zufolge Fördermittel, die in den Bau von Fabriken für Strukturgrößen zwischen 25 und 100 Nanometern flössen. „Bei Leistungs-Chips, auch aus Siliziumkarbid, Sensoren oder mikroelektronisch-mechanischen Systemen haben wir noch Know-how auf allen Wertschöpfungsstufen. Deshalb können wir hier den Abfluss von Technologie durch den Bau von Fertigungskapazitäten noch aufhalten.“ Vorausgesetzt, so Enser, die Politik gestalte die Fördermöglichkeiten so, dass die stark mittelständisch geprägten Lieferantenstrukturen in Europa erhalten blieben. „Brüssel und Berlin dürfen sich nicht nur um die Großen der Branche kümmern und den Mittelstand aus dem Blick verlieren. Die vielen kleinen und mittelständischen Zulieferer sind genauso wichtig wie die Großen der Branche.“

 

Text Gerd Mischler | Fotografie Dominik Gigler

 

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe 1.+2.2022 am 17. Mai 2022.



Erschienen in der Ausgabe 1.+2.2022

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