Barbara Frei, Europachefin von Schneider Electric

Die Richtung, in die wir gehen müssen

Führt mehr Klimaschutz zu De-Industrialisierung und massiven Arbeitsplatzverlusten? Oder steckt in innovativen Technologien für mehr Energieeffizienz die Chance auf nachhaltiges Wachstum? Barbara Frei, Europachefin von Schneider Electric, ist strikt dagegen, Klimaschutz und soziale Sicherheit gegeneinander auszuspielen – und geht mit ihrem Unternehmen mit gutem Beispiel voran.

Barbara Frei war elf Jahre alt, als sie hörte, dass der Verbrauch fossiler Brennstoffe ein Allzeithoch erreicht hatte. Die Reserven würden in einigen Jahrzehnten kaum noch reichen, um die Welt mit Energie zu versorgen. Das Mädchen fragte sich, woher der Strom denn dann kommen könne – und hörte nur die Antwort, dass man sparen müsse. Seitdem sind knapp 38 Jahre vergangen, und es ist viel passiert. Das Öl ist mittlerweile fast doppelt so teuer wie damals und aus Barbara Frei ist eine erfolgreiche Managerin geworden, die seit 2016 für Schneider Electric arbeitet. Bei dem Energiemanagement- und Automatisierungsspezialisten ist sie für das Europageschäft zuständig. Das Thema Energie hat sie während ihrer gesamten Karriere, die sie in ihrer Vergangenheit unter anderem zum ABB-Konzern geführt hatte, nie losgelassen.

„Für mich war die Frage nach der Energie einer der Gründe, warum ich Maschinenbau studiert habe“, sagt Barbara Frei, die in Zürich promovierte. „Im Studium fand ich die Inhalte zu Nachhaltigkeitsthemen aber eher zu schwach ausgeprägt.“ In der Industrie dagegen, wo sie vom ersten Job an tätig war, stellte sie das Thema Energieeffizienz von Beginn an in den Mittelpunkt. „Antriebe, Motoren, Pumpen – ich habe immer Neuentwicklungen vorangetrieben, die weniger Energie verbrauchten als die Vorgängergeneration.“

Auch bei Schneider Electric gibt es für Barbara Frei kein Entweder-Oder. Wie es aber zu vermeiden ist, dass Klimaschutzargumente gegen andere Aspekte ausgespielt werden, darauf hat sie eine klare Antwort: „Wir müssen sehr viel Zeit darauf verwenden, die Menschen zu informieren. Das gilt auch und gerade für die Politiker“, sagt die Managerin. „An dieser Stelle müssen auch die entsprechenden Verbände noch einiges leisten, um verständlicher zu machen, was wir benötigen, um nachhaltiger leben zu können.“ Dazu gehört auch, die Sektoren Energie und Industrie viel öfter zusammen zu führen: „Wir müssen ein System schaffen, in dem die Infrastrukturen für Elektrizität, Wärme und Verkehr enger miteinander vernetzt sind.

Führt mehr Klimaschutz dazu, dass einst sichere Arbeitsplätze gefährdet sind? Frei vertritt eine klare Position: „Dieselbe Diskussion führen wir ja auch, wenn es um Digitalisierung oder künstliche Intelligenz geht. Beide Entwicklungen lassen genauso wenig wie mehr Klimaschutz Arbeitsplätze schwinden, sondern verändern die Berufsbilder.“ Gleichzeitig, und auch das ist ein Argument für mehr Klimaschutz in Konzernen, werden Unternehmen attraktiver auf dem Arbeitsmarkt. „Gerade die junge Generation findet Firmen spannend, die nachhaltig agieren.“  Die hohen Anfangskosten für Maßnahmen zur Klimaeffizienz, auch das macht Barbara Frei klar, amortisieren sich schnell. Mit heute schon vorhandenen Digitaltechnologien lassen sich etwa in Gebäuden oder auch Fertigungshallen große Mengen CO2 einsparen. „Die Betriebskosten, die durch Klima-, Heiz- und Lüftungsanlagen oft zu einer zweiten Miete werden, sinken direkt, die Investition rentiert sich oft schon nach einem Jahr. Erst recht, wenn die Digitalisierung schon in der Planungsphase eine wichtige Rolle spielt.“

An Grenzen stoßen Maßnahmen zum Klimaschutz ihr zufolge dort, wo die Prozesse so energieintensiv sind, dass Emissionen kaum vermieden werden können. Dennoch kann auch in solchen Industriezweigen viel erreicht werden: mit einer datenbasierten digitalen Strategie. Schneider Electric geht dabei mit gutem Beispiel voran. „Wir haben unser Engagement für Klimaneutralität und Nachhaltigkeit drastisch verstärkt“, sagt Frei, deren Unternehmen heute schon 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien bezieht.

„Bis 2025 wollen wir komplett CO2-neutral wirtschaften.“

Barbara Frei, Europachefin von Schneider Electric

Für die Kunden bietet der Konzern seit elf Jahren die IoT Architektur EcoStruxure. In Verbindung mit vernetzten Produkten ermöglicht diese Softwarelösung jährlich 120 Millionen Tonnen CO₂ einzusparen. Die Architektur ermöglicht eine vollständige Verknüpfung im Internet der Dinge, auch zwischen unterschiedlichen Systemen. Als sichtbares Zeichen zieht Schneider Electric in drei Jahren zudem in den gerade entstehenden energieeffizienten EUREF-Campus in Düsseldorf um. Dessen Pendant in Berlin hatte bereits 2014 die CO2-Ziele der Bundesregierung für 2050 erreicht: Das Stadtquartier ist treibhausgasneutral. Schneider Electric ist hier Ankermieter und trägt mit seinen technischen Lösungen maßgeblich dazu bei.

Trotz aller Bemühungen: Es gibt viele Unbekannte, die einen klaren Blick in die Zukunft nicht so einfach machen. „Wir wissen nicht, wie sich die politische Agenda etwa auf die Digitalisierung und zukunftsweisende Technologien auswirken wird“, sagt Barbara Frei. Wenn es nach ihr ginge, müssen Regierungen effiziente Energiespeicher fördern, die Emissionssteuern an den Pariser Klimazielen orientieren und gleichzeitig innovationsfördernd wirken. Die Forderungen sind hoch, aber für Barbara Frei ist es ganz eindeutig: Auch wenn es immer wieder Zielkonflikte gibt, wird der Klimawandel ohne energieeffiziente Technologien nicht aufzuhalten sein. „Mich hat das Thema als Kind genauso stark bewegt wie heute als Mutter zweier Kinder. Die Klimawende läuft zwar nicht so schnell, wie sie müsste – aber es ist genau die Richtung, in die wir gehen müssen.“

 

Text: Marc-Stefan Andres | Fotografie: Henning Ross


 

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Erschienen in dieser Ausgabe 1.2020:

Barbara Frei, Europachefin von Schneider Electric

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