Grenzüberschreitung

Anlauf für einen großen Sprung

Die Regierung von US-Präsident Joe Biden treibt die Energiewende voran: Innerhalb von nur 14 Jahren soll der Stromsektor in Amerika komplett CO2-frei sein. Wie soll das gehen? 

Das Ziel ist ambitioniert: Spätestens ab 2035 soll in Amerika nur noch Strom produziert werden, bei dessen Erzeugung keine Schadstoffe anfallen. So kündigte es Präsident Joe Biden im Frühjahr an. „Wir müssen handeln, um den Klimawandel zu bremsen“, pflegt der Demokrat im Weißen Haus zu sagen. Für die größte Volkswirtschaft der Welt käme dieser Schritt einer Revolution gleich, stammen doch aktuell 60 Prozent der erzeugten Elektrizität aus Gas-, Kohle- und Ölkraftwerken. Soll es nicht bei Wunschträumen bleiben, ist die Regierung Biden auf die Mithilfe des nationalen Parlaments angewiesen. Allein mit Erlassen kann die amerikanische Energiewende in weniger als 14 Jahren nicht vollzogen werden – auch weil der Strommarkt in Amerika stark durch die Bundesstaaten reguliert wird. Die Bundesregierung kann sie vor allem über finanzielle Anreize steuern. 

Der Umbau lässt sich nur verwirklichen, wenn Washington bereit ist, Steuergelder in Milliardenhöhe zu investieren, wie Mike O’Boyle von der Denkfabrik Energy Innovation sagt. Umsetzen ließe sich die amerikanische Energiewende zum Beispiel mit einem angedachten Fonds, der den Namen „Clean Electricity Payment Program“ trägt. Mithilfe dieses Programms sollen Kraftwerksbetreibende belohnt werden, die für die Stromproduktion neue Energiequellen erschließen. Im Gegenzug müssten die Besitzerinnen und Besitzer von Gas-, Kohle- und Ölkraftwerken Strafgelder entrichten, falls sie den ambitionierten Fahrplan der Regierung Biden nicht einhalten können oder wollen. Für die Konsumentinnen und Konsumenten werde sich dieser Transformationsprozess nicht negativ auf das Haushaltsbudget auswirken, lautet das Versprechen aus Washington. Sollte der Strom teurer werden, würde der Staat die Differenz ausgleichen.

 

Die ersten Reaktionen der betroffenen Branche auf diese Pläne fielen positiv aus. Selbst das Edison Electric Institute, der nationale Dachverband der kommerziellen Kraftwerksbetreibenden, sicherte der Regierung Biden in einer Stellungnahme grundsätzlich Unterstützung zu. Ziel sei es, „so schnell wie möglich“ mehr sauberen Strom zu produzieren, sagte Verbandspräsident Tom Kuhn. Dabei dürften allerdings „Bezahlbarkeit“ und „Zuverlässigkeit“ nicht vergessen gehen – eine Anspielung auf das oft gehörte Argument der Gegner einer Energiewende, auf erneuerbare Energiequellen sei im Notfall kein Verlass. 

Die Unterstützer der Biden-Pläne wollen dieses Argument nicht gelten lassen. Sie sagen, den eigentlichen Schwachpunkt im amerikanischen Energiemarkt stelle das Stromnetz dar und nicht die Kraftwerke. Die notwendigen Technologien zur Erzeugung und Verwendung von sauberem Strom – Solar­zellen, Windräder, Wasserkraftwerke sowie Batterien und andere Energiespeicher – stünden bereits zur Verfügung und seien skalierbar, ergänzt Holly Burke, die für die grüne Lobby-Organisation Evergreen Action arbeitet. Deshalb seien erneuerbare Energien schon jetzt billiger als die Angebote der Konkurrenz. So rechnet die Regierung Biden damit, dass bis ins Jahr 2035 rund 40 Prozent des amerikanischen Stroms mit Solaranlagen erzeugt werden – was einer Steigerung um das Zehnfache entsprechen ­würde. 

Eine Chance eröffnet sich mit der Energiewende für die Nuklear­industrie. Amerika sei auf eine Stromquelle angewiesen, die zum einen klimaneutral, und zum anderen rund um die Uhr verfügbar sei, sagt John Kotek, beim nationalen Dachverband Nuclear Energy Institute zuständig für öffentliche Angelegenheiten. Mit einer gewissen Zufriedenheit nehme er deshalb zur Kenntnis, dass die Politiker in Washington vermehrt von „sauberer“ und nicht mehr nur von „erneuerbarer“ Energie sprächen. „Unsere Botschaft, dass wir zuverlässig bezahlbaren Strom produzieren, stößt auf offene Ohren“, sagt Kotek. Allerdings: Der Anteil des per Kernenergie gewonnen Stroms ist in den vergangenen Jahren auf 20 Prozent gefallen. Und in den vergangenen 25 Jahren konnte in den USA nur ein neuer Kernreaktor in Betrieb genommen werden. Zwei Reaktoren befinden sich aktuell im Bau und sollen spätestens im Jahr 2022 ans Netz gehen.

Nicht von neuen Kernkraftwerken, jedoch von einer Modernisierung der gesamten Energie-Infrastruktur, insbesondere auch der Ertüchtigung von Übertragungs- und Verteilnetzen, in den Vereinigten Staaten könnte auch die Elektroindustrie profitieren. So lässt sich Barbara Humpton, die USA-Chefin von Siemens, mit den Worten zitieren: „Die Regierung von Joe Biden nimmt den Klimawandel ernst, und wir werden absolut von dem neuen Kurs profitieren.“

 

Text Renzo Ruf, Washington | Graphik ZVEI/ shutterstock/ Luciano Mortula, shutterstock/ artjazz, shutterstock/ Yevgeniy Melnik, shutterstock

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.2021 am 6. Dezember 2021 erschienen.



Erschienen in der Ausgabe 4.2021

Wir müssen wachsen

Ohne Halbleiter geht in vielen Industrien kaum noch etwas. Die kleinen Bauteile sorgen vor allem dafür, dass Energie auf die unterschiedlichen Bedarfe und Spannungsniveaus umgeformt wird. Schon länger warnen Experten davor, dass ein Engpass gerade bei den wichtigen Leistungshalbleitern droht, der sich durch Corona noch einmal verstärkt hat. Die Produkte auf dem Markt kauft vor allem die Autoindustrie, um die wachsende Anzahl an Elektroautos auszurüsten. Damit die Energiewende gelingt, müssen aber auch die Solar- und Windbranche genügend Leistungshalbleiter zur Verfügung haben. Auch für Wärmepumpen und Industriemotoren sind Leistungshalbleiter, die sich deutlich von den Chips in PCs und Smartphones unterscheiden, unverzichtbar.

Anlauf für einen großen Sprung

Die Regierung von US-Präsident Joe Biden treibt die Energiewende voran: Innerhalb von nur 14 Jahren soll der Stromsektor in Amerika komplett CO2-frei sein. Wie soll das gehen?

Fesseln lösen

Die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen stellt die Basis einer klimaneutralen Industriegesellschaft dar. Da Deutschland sein Klimaziel für 2030 erhöht hat, müssen die Erneuerbaren weit stärker ausgebaut werden als bislang vorgesehen. Dafür muss die Politik jetzt die Weichen richtig stellen.

Schneller werden

Mehr Windräder bauen, mehr Photovoltaik-Anlagen installieren, mehr Wasserkraft nutzen – fertig ist die Energiewende? So einfach ist es nicht. In der Aufzählung fehlen die Übertragungs- und Verteilnetze, die den Strom transportieren müssen. Und da gibt es noch einiges zu tun, sagt Martin Schumacher, Vorstandsvorsitzender der Hitachi Energy Germany AG.

Immer in Verbindung

Das Start-up Workerbase, Gewinner des ZVEIPitches im Frühjahr 2021, bindet das Fabrikpersonal besser in den Produktionsprozess ein. Gründer Norman Hartmann startete mit seiner Idee in einem Großkonzern – und wagte dann den Buy-out.

 

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