Grenzüberschreitung

Strombeschleunigung

In der niederländischen Gemeinde Heerhugoward wurde zum ersten Mal das „Energiesprong“-Konzept einer seriellen und standardisierten Altbausanierung umgesetzt. Mittlerweile findet es auch in Deutschland immer mehr Freunde und könnte die Energiewende im Gebäude deutlich beschleunigen. 

Die 55 Häuser in der Bosboomstraat und den benachbarten Straßen unterscheiden sich nur durch ihre Vorgärten. Die grauen Dämmelemente an den Fassaden und die Solarmodule auf den Dächern hingegen sorgen für eine hohe Gleichförmigkeit. Dass sich in Heerhugoward, einer kleinen Gemeinde in der niederländischen Provinz Noord-Holland, viele Gebäude ähnlich sehen, ist das Resultat des Energiesprong-Programms, das hier seinen Anfang nahm. Mitbegründet wurde es von dem Physiker Ivo Opstelten. Ausgangspunkt, so erläutert er, war eine Innovationsagenda des Innenministeriums im Jahr 2009: „Es ging darum, Innovationen zu implementieren und die Gebäude fit zu machen für die Zukunft, und zwar in einem hohen Tempo, um die Klimaziele zu erreichen.“ Um möglichst schnell möglichst viel erreichen zu können, wurden die Sozialwohnungen in den Fokus genommen. Rund ein Drittel der insgesamt 7,5 Mio. Häuser in den Niederlanden gehört großen Gesellschaften, die klare Regeln für soziales Wohnen einhalten müssen, inklusive einer Mietpreisobergrenze. 

Schnell wurde Opstelten und seinem Team dabei klar, dass die größte Herausforderung nicht die Technik, sondern die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten sein würden. „Die Wohnungsgesellschaften wollen zwar ihre Wohnungen verbessern, aber auch nicht zu viel investieren, wenn sie keine höheren Mieten nehmen können“, sagt Opstelten. Die Mieter hingegen schauten neben ihrem Komfort vor allem auf ihre gesamten Wohnkosten, also die Summe von Miete und Energiekosten. „Wir haben deswegen auf das Modell eines geteilten Anreizes gesetzt, den wir durch staatliche Regulierungen unterstützt haben.“ 

Das sah dann so aus: Energiesprong sorgte 2013 für einen Vertrag zwischen anfangs sechs großen Wohnungsgesellschaften und vier Baufirmen, die sich auf eine „Stroomversnelling“ einigten, was wörtlich tatsächlich mit „Strombeschleunigung“ übersetzt werden kann. Unter diesem Namen arbeitet heute auch die Organisation, die Opstelten als Direktor leitet. Zunächst 1.000, dann weitere 10.000 Häuser sollten so saniert werden, dass sie als Netto-Null-Energie-Gebäude die Energie für Heizung, Warmwasser und Strom – inklusive der Hausgeräte – erzeugen, die sie benötigen. Dazu wurden unter anderem Solaranlagen, Wärmepumpen, Dreifachverglasungen und Dämmungen von Wänden, Boden und Dächern verbaut.  

 

Mit der Sanierung müssen pro Wohnung bestimmte Energieziele erreicht werden. Anstatt wie zuvor den Mietern ihren Energieverbrauch in Rechnung zu stellen, können die Wohnungsgesellschaften auf dieser Grundlage nun eine Energieleistungspauschale berechnen – also eine Art Nebenkosten dafür, dass sie die Wohnungen energieneutral gemacht haben. Wenn die Energieziele hingegen nicht erfüllt werden, bekommen die Mieter sogar Geld zurück. Außerdem wurde das Ziel gesetzt, dass die Sanierung nicht länger als zwei Wochen dauern darf, um den Wohnkomfort nicht zu lange zu schmälern – und um den Mietern entsprechend dem niederländischen Recht nicht eine Ersatzwohnung samt Umzugskosten stellen zu müssen. Diese Frist war ein weiterer Impuls, besser zu werden. „Wir wollten einen industrialisierten Prozess mit vorgefertigten Bauelementen anstoßen, um die Bauzeiten und die Kosten zu verringern.“ 

Rund 6.500 Häuser sind seitdem saniert worden, die ersten standardisierten Bauteile sind entwickelt und werden auch verbaut. Im Jahr 2016 wurde das Energiesprong-Programm offiziell beendet, die Aktivitäten aber laufen weiter, unter anderem vernetzt mit Projekten in England, Frankreich und auch Deutschland. Dort wurde im Jahr 2021 das erste Projekt in Hameln fertiggestellt. Die Deutsche Energie-Agentur koordiniert hier die Maßnahmen. Mittlerweile sind 22 Wohnungsunternehmen beteiligt, 17.000 Wohnungen sollen in den kommenden Jahren saniert werden. 

Opstelten macht sich derweil Gedanken, wie das System weiterentwickelt werden kann. „Wir müssen das ganze Konzept zugänglicher machen, zum Beispiel indem wir uns an Plattform-Lösungen aus anderen Branchen bedienen“, sagt er. So wie beim Autohersteller Tesla zum Beispiel müsste alles per Website funktionieren, von der Auswahl über die Konfiguration bis zur Finanzierung. Damit, sagt Opstelten, könnte der Prozess noch effizienter und der Markt für Eigenheimbesitzer geöffnet werden – und die Energiewende einen richtig großen Sprung machen.  

 

Text Marc-Stefan Andres | Bild Marc-Stefan Andres

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.2022 am 12. August 2022 erschienen.



Erschienen in der Ausgabe 3.2022

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