Beste Praxis

Unabhängigkeitserklärung

Wärmepumpen sind nur etwas für schicke Neubauten mit Fassadendämmung und Fußbodenheizung? In Kelkheim am Taunus wollen ein Handwerksmeister und ein mutiger Hauseigentümer das Gegenteil beweisen. 

 

Wenn Florian Pfisterer über sein Haus spricht, zückt er sein Smartphone. „91 Prozent“, sagt er nach kurzem Blick auf das Display. Die Zahl zeigt den Anteil des selbst erzeugten Stroms an seinem aktuellen Tagesverbrauch, und darauf ist er sichtlich stolz. Auch seine neue Heizung wird mit Strom betrieben. Den erzeugt er teilweise selbst, mit Solarmodulen auf dem Dach. „Ich wollte das komplette Paket, denn so schaffen wir uns ein Stück Unabhängigkeit“, berichtet Pfisterer, der das Einfamilienhaus aus dem Jahr 1971 vor acht Jahren in völlig unsaniertem Zustand gekauft hatte. Der Gasbrennwertkessel war erst wenige Jahre zuvor eingebaut worden, deshalb setzte Pfisterer zunächst andere Prioritäten: neue Fenster, neue Heizkörper, eine Dachisolation. Steigende Erdgaspreise führten dann vor zwei Jahren dazu, dass er auch über einen Heizungstausch nachdachte. 

Vor dem Umstieg auf die Wärmepumpe ließ sich Pfisterer ausführlich von Sebastian Dörr beraten. Der erst 35-jährige Heizungsbauer führt einen von ihm gegründeten Betrieb in Kelkheim am Taunus mit mehr als einem Dutzend Mitarbeiter. Dörr hatte eine erste Wärmepumpe im eigenen Betrieb installiert, in einem Neubau. „Doch die eigentliche Chance liegt in der Heizungssanierung, nicht in den wenigen Neubauten“, konstatiert er nüchtern. „Ich wollte unbedingt ausprobieren, ob das funktioniert.“ Die Anfrage von Pfisterer kam zur rechten Zeit, zumal gerade eine für Altbauten optimierte Wärmepumpe auf den Markt gekommen war. 

3,1 beträgt die durchschnittliche Arbeitszahl von Wärmepumpen im Altbau. 

Vor dem Auftrag hatte Dörr allerdings noch zwei Hürden zu bewältigen: Zunächst kam Pfisterer zur Hörprobe vorbei. Er wollte seine Anlage auf das Garagendach stellen, die Lüftung hätte in Richtung des Nachbarhauses gezeigt. „Man hörte fast nichts, auch bei voller Leistung blieb nur ein leises Säuseln“, so das Fazit. Die zweite Herausforderung zu bestehen, dauerte einen ganzen Winter. Denn wie viel Strom eine Wärmepumpe benötigt, hängt entscheidend von der sogenannten Vorlauftemperatur ab, also davon, wie hoch das Wasser am Start des Heizkreislaufs erhitzt werden muss, um bei sehr niedrigen Außentemperaturen von –12 Grad Celsius noch angenehme Raumwärme zu erzeugen. Dabei gilt die Regel: Je größer die Heizkörperfläche und je besser gedämmt das Haus, desto niedriger kann die Temperatur ausfallen. Als Ideal gilt die Fußbodenheizung in einem vollständig gedämmten Neubau, dann sind Vorlauftemperaturen von weniger als 40 Grad Celsius zu realisieren. Anlagen für die Altbausanierung schaffen technisch bis zu 70 Grad Celsius. „Doch das ist energetisch unsinnig“, urteilt Dörr. „Eine Vorlauftemperatur von 55 Grad reicht bei richtiger Auslegung und Steuerung. Jedes Grad weniger im Vorlauf führt zu deutlich besserer Energieeffizienz.“ 

Uns geht die Arbeit in den kommenden Jahren nicht aus

Sebastian Dörr

Heizungsbauer

So wie die von Viessmann stammende Wärmepumpe in dem Kelkheimer Einfamilienhaus konfiguriert ist, soll sie eine Jahresarbeitszahl von mehr als vier erreichen – sprich, eine Kilowattstunde Strom erzeugt mehr als vier Kilowattstunden an Wärmeenergie. Da die Anlage erst im März 2022 in Betrieb genommen wurde, kann die Zwischenbilanz erst im kommenden Jahr gezogen werden. Doch Zahlen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE zeigen, dass Wärmepumpen auch im Altbau gute Jahresarbeitszahlen erreichen können. Die 29 vermessenen Außenluft-Wärmepumpen erreichten eine mittlere Jahresarbeitszahl von 3,1 – wobei die Forscher zwei positive „Ausreißer“ mit Arbeitszahlen von 4,1 und 4,6 nicht in die Wertung nahmen. Die Experten halten fest: Nicht das Baualter, sondern individuelle Voraussetzungen wie Gebäudehülle und Art und Auslegung des Wärmeübergangssystems entscheiden über die Effizienz von Wärmepumpen im Altbau.  

Handwerksmeister Dörr hat sein persönliches Resümee ebenfalls bereits gezogen: Er spezialisiert sich vollständig auf Heizungssanierungen und möchte dafür einen Elektromeister einstellen. „Da geht uns die Arbeit in den kommenden Jahren nicht aus.“ Viele Kunden kämen auch deshalb zu ihm, weil andere Heizungsbauer sagen, sie machen keine Wärmepumpen. Derweil denkt Hauseigentümer Pfisterer schon über die nächsten Projekte nach. Er will nun auf ein Elektroauto umsteigen und eine Ladestation installieren lassen. 
 

 

Text Johannes Winterhagen | Grafik: bloomua

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.2022 am 12. August 2022 erschienen.



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