Chefsache

„Wir müssen einig auftreten“

Für Dr. Barbara Frei hat die EU enorme Stärken, die aber besser eingesetzt werden müssten. Im Interview plädiert die Executive Vice President Industrial Automation von Schneider Electric dafür, dass Technologien für die Umsetzung der Energiewende ebenso gefördert werden müssen wie ein Ökosystem für Start-ups. Die EU ist für sie die Grundlage einer erfolgreichen Zukunft, wenn sie langfristige Strategien entwickelt, die in der Industrie, aber auch im Gebäudesektor zu mehr Automatisierung, Digitalisierung und damit auch Energieeffizienz führen. 

Frau Frei, ganz spontan: An welcher Stelle ist die EU wichtig für ein global agierendes Unternehmen wie Schneider Electric? 
Was mir als erstes einfällt: In Europa haben wir im Technologiebereich noch viele Normen, die sich von Land zu Land unterscheiden. Die EU bietet aber die große Chance, das zu vereinheitlichen. Wir könnten ein ähnlicher Markt werden wie die USA oder China, indem wir uns stärker harmonisieren. Denn eine große Leistung der EU ist die Normung, für die sie weltweit als Vorbild gesehen wird. 

Die EU wird doch oft als besonders regulierungswütig angesehen. Wie passt das zusammen? 
Wir müssen eben schauen, an welcher Stelle was geregelt wird. Dabei können wir auch von anderen lernen, vom Inflation Reduction Act der USA zum Beispiel, der gezielt die inländische Produktion fördert. Er orientiert sich vor allem an den Resultaten und lenkt nicht alles schon im Vorfeld durch eine große Bürokratie. Das Lieferkettengesetz in Europa hingegen ist – so sinnvoll es generell ist – sehr komplex. Bei Schneider Electric beschäftigen wir weltweit eine beträchtliche Anzahl von Mitarbeitenden, die sich nur um das ESG-Reporting kümmern. Wir sollten das Reporting pragmatischer und digitaler umsetzen. So können wir Prozesse und Workflows schneller machen und die Einstiegshürden für den Mittelstand senken. Nur so können wir dort die Entscheider mit auf die Reise nehmen.

Gibt es Gesetzgebungen und Regelungen, von denen Sie als Schneider Electric profitieren? 
Der Green Deal der EU, bei dem es um Energieeffizienz und die Dekarbonisierung von Industrie und Gebäuden geht, schafft uns Märkte. Die Industrie, für die wir viele Produkte im Portfolio haben, verursacht über 40 Prozent der CO2-Emissionen weltweit. Dabei stehen immer die Automatisierung und Digitalisierung am Anfang, um Transparenz zu bekommen. So kann ich Verbräuche und folglich auch Emissionen messen und dann energieeffizienter werden, indem ich etwa einen thermischen Prozess durch einen elektrischen ersetze. Ich würde mir aber wünschen, dass die Politik solche Technologien stärker fördert oder deren Einsatz erleichtert. 

Sie haben in einem Interview gesagt, in der EU müssten die Rahmenbedingungen für IT- und KI-Fachkräfte besser werden. Was ist damit gemeint? 
Ein Großteil der Arbeitskräfte in diesem Bereich will in Start-ups arbeiten. Anstatt aber zum Beispiel in Berlin zu bleiben, gehen viele immer noch ins Silicon Valley. Um das aufzufangen, benötigen wir in Europa ein stärkeres Ökosystem für Start-ups, das diese Talente auch weltweit anzieht. Dafür müssen wir zum Beispiel die Haltung zu Risikokapital zum Positiven verändern sowie ein steuerliches Anreizsystem für eine Mitarbeiterbeteiligung an Start-ups und physische Innovations-Hotspots innerhalb Europas schaffen. 
 

Wie würde denn Schneider Electric davon profitieren, wenn die Start-ups gefördert werden? Die jungen Talente würden dann ja dennoch nicht bei Ihnen arbeiten? 
Irgendwann kommen sie dann doch zu uns (lacht). Im Ernst, wir beschäftigen uns schon lange mit dem Thema. Hier in Berlin haben wir selbst ein Start-up gegründet, Inno2Grid, mit dem wir an nachhaltigen Mobilitätslösungen und einer zukunftsfähigen Energieversorgung arbeiten. Damit können wir viele Talente zu uns holen, die dann später auch bei Schneider Electric arbeiten können. Außerdem haben wir SE Ventures gegründet, einen Venture Capital Fonds, den wir zwei Mal mit jeweils 500 Millionen Euro ausgestattet haben. Dort sind wir in rund 50 Start-ups investiert. 

Sie setzen gerade ein Programm in Höhe von 300 Millionen um, mit dem Sie in Ihre Fabriken in den USA investieren. Sind dort die Rahmenbedingungen besser als in Europa? 
Wir haben bei Schneider Electric die Philosophie „Im Markt für den Markt“, deswegen wollen wir mit unseren Fabriken nahe dran sein an den Märkten. Wie wichtig das ist, haben wir auch in der Zeit der Corona-Pandemie gelernt. Nun kommen zwei Faktoren hinzu: Auf der einen Seite boomt der Data-Center-Markt, einer unserer Kernmärkte, in den USA, dafür brauchen wir Kapazitäten. Auf der anderen Seite wächst das Bedürfnis nach „Made in America“, vor allem in den Bereichen, die durch die Regierung getrieben sind, wie die Wasserversorgung oder andere Infrastrukturen. Diese Investitionen bedeuten also keine Abkehr von der EU, sondern eine Hinwendung zum Markt, zumal wir auch in Europa massiv investiert haben. 

Schneider Electric bietet viele Nachhaltigkeitslösungen an. In diesen Bereich zu investieren, ist sehr sinnvoll, manchmal aber auch teuer. Lassen sich Nachhaltigkeit und Wohlstand langfristig vereinen? 
Davon bin ich absolut überzeugt. Letztlich geht es um eine Investition in die Digitalisierung und diese ist in Sachen Wettbewerbsfähigkeit, Unternehmens-Resilienz und Wertsicherung unabdingbar. Mittelfristig gesehen lohnt es sich immer, in Energieeffizienzmaßnahmen zu investieren. Denn der beste Weg, Klimaziele zu erreichen, ist, Energie gar nicht erst zu verbrauchen. Dabei müssen wir über lange Zeiträume denken, gerade im Gebäudebereich. Rein wirtschaftlich lohnt sich das auch: Einer Studie der Boston Consulting Group zufolge soll bis 2050 durch Umwelttechnologien ein Zehn-Billionen-Euro-Markt entstehen. 

Die Investitionen lohnen sich ja auch, weil sie sich recht schnell amortisieren. Wie können Unternehmen stärker motiviert werden, auch an dieser Stelle langfristiger zu denken? 
Vieles beginnt damit, dass wir verstehen, dass heute alle wesentlichen Technologien vorhanden sind, um Gebäude und – eingeschränkt auch Industrien – klimaneutral zu machen. Deswegen sollte es bessere steuerliche Rahmenbedingungen geben, die den Unternehmen die Investitionen erleichtern. Oder es könnten auch Anreizsysteme entstehen, den CO2-Ausstoß zu senken. Da sehe ich auch die EU in der Pflicht: Sie könnte weitere Programme auflegen, die solche Technologien in Europa fördern. 

Wenn Sie zum Schluss entscheiden könnten, welche Maßnahmen die EU-Kommission als erstes umsetzen soll – was hätte Priorität für Sie? 
Rahmenbedingungen, die uns helfen, Projekte im Energiebereich zu skalieren. Denn so etwas wäre später auch ein Exportschlager. Europa kann in diesem Feld wieder Marktführer werden. Wir müssen Europa außerdem viel stärker als eine gemeinsame Wirtschaftsregion begreifen und dafür auch sensibilisieren. Das ist gar nicht so einfach, weil es oft um Fairness und Transparenz untereinander geht, aber auch um die Unterschiedlichkeit der Kulturen und Interessen. Wir müssen in Europa lernen, uns besser zu verknüpfen und einig aufzutreten. Und wir müssen die Probleme im Kern angehen, statt nur „Schmerztabletten“ zur verteilen. Dann ist und bleibt die EU für uns alle eine riesige Chance.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Frei.
 

Dr. Barbara Frei promovierte an der ETH Zürich im Fach Maschinenbau, außerdem absolvierte sie einen MBA an der IMD Lausanne. Ihre Karriere startete sie als Entwicklungsprojektleiterin für Motoren und Antriebe bei der ABB Schweiz AG. Im Jahr 2016 begann sie als Country President Deutschland bei Schneider Electric und wurde danach Zone President der DACH-Region. Heute leitet sie das globale Industrial Automation Business und ist Mitglied des Executive Committees von Schneider Electric.

 

Text Marc-Stefan Andres | Bild Verena Brüning

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.2024 am 15. April 2024 erschienen.



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