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30.11.2020

Weltwirtschaft

Die globale Ausbreitung der Corona-Epidemie ab Februar 2020 stellt wohl auch ökonomisch den größten exogenen Schock seit dem Zweiten Weltkrieg, wenn nicht den 1930er Jahren, dar. Umgerechnet rund 500 Millionen Vollzeitjobs sind auf mehr oder weniger einen Schlag verloren gegangen.

Zwar hat der IWF seine Prognose für die Entwicklung der globalen Wirtschaftsleistung in diesem Jahr im Oktober deutlich um 0,8 Punkte auf minus 4,4 Prozent aufwärts revidiert. Dennoch überträfe der diesjährige Einbruch den Rückgang aus der 2009er Finanzkrise (von 0,1 Prozent) damit um den Faktor 44! Es ist den massiven Interventionen von Regierungen und Notenbanken zu verdanken, dass die Rezession nicht noch schwerer ausfällt.

 

So synchron der Schock auch war, so unterschiedlich fällt inzwischen allerdings die Erholung der einzelnen Volkswirtschaften aus. Tatsächlich tun sich hier ganz beträchtliche Differenzen auf. Grob könnte man mit den jeweiligen IWF-Prognosen sagen: Chinas BIP wird Ende 2021 gut ein Zehntel höher liegen als vor dem Ausbruch der Pandemie 2019. Die USA werden zumindest das Vorkrisenniveau wieder erreichen, wohingegen Europa und auch Japan dann noch hinterherhinken. Deutschland schlägt sich besser als der Euroraum, kommt im nächsten Jahr aber auch noch nicht ganz an die Wirtschaftsleistung des Jahres 2019 heran.

 

Die Gründe für das Auseinanderlaufen sind dreifach. Da ist zum einen das unterschiedliche Epidemie-Geschehen. Während China es scheinbar gestoppt hat, kämpft Europa mit einer zweiten Infektionswelle und Amerika mit der dritten. Zum anderen spielt die gesamtwirtschaftliche Produktionsstruktur eine Rolle. In Fabrikhallen lassen sich Abstandsregeln leichter einhalten als in kontaktintensiven Dienstleistungsbereichen. Das heißt: Ein hoher Industrieanteil hilft. Den höchsten hat wiederum China. Drittens haben die Staaten ihren Volkswirtschaften verschieden hohe Hilfen gewährt bzw. gewähren können. Das größte Rettungspaket – absolut wie auch relativ, also im Verhältnis zum BIP – haben die USA geschnürt. Allerdings geht es hier nicht nur um die Höhe der Summen, sondern auch darum, wie man auf strukturelle Veränderungen reagiert und schöpferischer Zerstörung à la Schumpeter genügend Raum lässt.

 

Indem sich China – zumindest auf die kurze bis mittlere Frist – am schnellsten und kräftigsten erholt, baut das Land seine Anteile weiter aus – am globalen Sozialprodukt, an der globalen Industrieproduktion, an den globalen Exporten etc. Schätzungen zufolge könnte die auf Dollar lautende nominale jährliche Wirtschaftsleistung Chinas die der USA jetzt rund fünf Jahre früher überholen, als das ohne die Pandemie der Fall gewesen wäre.

 

Amerika hat nicht bloß das größte Hilfspaket verabschiedet, sondern auch die Weichen so gestellt, dass sich der Arbeitsmarkt möglichst flexibel an eine neue Nach-Corona-Realität anpassen kann. Im Kern: Hier wurden nicht Jobs an sich geschützt, sondern die Einkommen derer, die ihre Arbeit verloren haben, und zwar großzügig. Bei der Rettung von Unternehmen war man zurückhaltender. Das Problem ist, dass es inzwischen eines zweiten Rettungsplans bedürfte, weil etliche Maßnahmen aus dem ersten zeitlich befristet waren und entsprechend ausgelaufen sind. Allerdings konnten sich die beiden – total zerstrittenen – politischen Lager im Kongress bisher nicht auf weitere Maßnahmen verständigen.

 

In Europa haben die Regierungen massiver in den Marktmechanismus eingegriffen. Überspitzt: Die Staaten übernehmen Lohnkosten, zahlen Zuschüsse, gewähren Kredite, geben Garantien, übernehmen Bürgschaften, beteiligen sich an Unternehmen und verhindern Pleiten, und zwar auch in Bereichen, die es nach der Corona-Krise so womöglich gar nicht mehr geben wird. Wird der Zeitpunkt verpasst, die Balance zwischen Marktwirtschaft und Staat wiederherzustellen, könnte der relative Abstieg des Kontinents am Ende durch die Corona-Pandemie noch beschleunigt worden sein.

 

Dr. Andreas Gontermann

Konjunktur & Märkte

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