Zwiegespräch

"Noch ist nicht alles gut"

Das Industrieland Deutschland mit vollständig klimaneutraler Energie sicher und wirtschaftlich zu versorgen, bleibt eine der wichtigsten politischen Aufgaben. Ein Zwiegespräch zwischen Andreas Feicht, dem für Energiepolitik zuständigen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, und der ZVEI-Vize-Präsidentin Rada Rodriguez.

Braucht ein wirtschaftlich starkes und klimaneutrales Deutschland mehr oder weniger Strom?

Feicht: Aktuell hat Deutschland einen Endenergiebedarf von 2.500 Terawattstunden – da ist alles drin, auch was wir in den Häusern verheizen und womit wir unsere Autos tanken. Im Jahr 2045 muss diese Energie komplett Treibhausgas-neutral zur Verfügung stehen. Der Strombedarf wird deshalb steigen, etwa durch den Umstieg auf Elektromobilität. Man kann dann trefflich darüber streiten, wie hoch die Stromnachfrage beispielsweise bis 2030 steigt, sollte aber nicht vergessen: Das sind Prognosen, keine Prophezeiungen.

Rodriguez: Auch in der Industrie haben wir keine Kristallkugel. Zwischen den Bedarfsprognosen des BMWi und des BDI liegen allerdings schon erhebliche Differenzen. Wir sind uns immerhin einig, dass der Bedarf steigt, obwohl wir noch erhebliches Potenzial an Energieeffizienz haben.

Gerade im Industriesektor haben Effizienztechnologien bislang nicht zu einem geringeren Endenergieverbrauch geführt.

Rodriguez: Der Energieverbrauch pro produzierter Einheit ist in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. Und es besteht noch erhebliches Potenzial, etwa indem wir Industrie 4.0-Konzepte nicht nur in großen Unternehmen, sondern auch im kleineren Mittelstand einsetzen. Da würden so viele Ressourcen, auch Energie, besser genutzt! Zudem können wir die Energieeffizienz in allen anderen Sektoren ebenfalls steigern. Dies gilt insbesondere für den Gebäudesektor, wenn smartes Energiemanagement überall eingeführt wird.

 

Momentan importieren wir rund 70 Prozent der Endenergie. Haben wir die Chance, uns durch den Umstieg auf erneuerbare Energie von Importen unabhängig zu machen?

Feicht: Ich glaube nicht, dass wir unseren Autonomiegrad deutlich erhöhen werden. Die geringere Energiedichte der Erneuerbaren führt zu einem erhöhten Flächenbedarf. Ein dicht besiedeltes Land wie Deutschland wird Schwierigkeiten haben, die gleiche Strommenge erneuerbar zu erzeugen wie in den großen Gas-, Kern- und Kohlekraftwerken.  Das bedeutet, dass wir auch in Zukunft viel Energie importieren müssen, dann allerdings Treibhausgas-neutral.

Rodriguez: Uns fehlt nicht nur die Fläche, sondern es ist auch schwierig, hierzulande nur mit Sonnen- und Windstrom die gesicherte Leistung bereitzustellen. Anders als anderen Ländern in Europa steht uns weder die Wasser- noch die Kernkraft zur Verfügung. Deshalb ist Wasserstoff langfristig eine Option. Als Brückentechnologie brauchen wir bis dahin die Gaskraftwerke, zumal noch die Frage offen ist, ob nicht zuerst die verarbeitende Industrie den gesamten grünen Wasserstoff nutzt. Als Industrieland brauchen wir eine sichere und wirtschaftliche Energie- und vor allem Stromversorgung!

Können wir als Europäer diese Aufgabe gemeinsam lösen?

Feicht: Die Europäische Union als Ganzes, einschließlich assoziierter Partner, kann es schaffen, den Autonomiegrad zu erhöhen – wenn auch nicht auf 100 Prozent. Wir sollten mehr in europäischen Projekten denken. So wie wir es gerade mit Dänemark machen, wo vor der Nordseeküste auf einer künstlichen Insel Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von zehn Gigawatt entstehen sollen. Aber auch das reicht nicht, um sich von jeglichen Importen von außerhalb Europas abzukoppeln. Der arabische Raum, Nordafrika, auch Russland werden weiterhin wichtige Energiepartner für Deutschland bleiben. 

 

Der Energieaustausch mit solchen Partnern kann langfristig nur über Wasserstoff oder dessen Derivate erfolgen, oder?

Feicht: Die politische Leistung der vergangenen Legislaturperiode bestand darin, Wasserstoff als Option für Treibhausgasneutralität einzuführen – nicht anstelle, sondern neben der direkten Nutzung von Strom. Nun entsteht eine Wasserstoff-Ökonomie nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern überall auf der Welt.

Rodriguez: Definitiv muss eine Wasserstoff-Wirtschaft entstehen. Auf europäischer Ebene ist das mit der Allianz für sauberen Wasserstoff und dem IPCEI-Vorhaben Wasserstoff auch auf gutem Weg. Aber wir haben auch im Strombereich noch nicht das volle Potenzial des europäischen Binnenmarkts erschlossen. So fehlt es noch an Interkonnektoren an den Grenzen und vor allem an der Digitalisierung der Verteilnetze. Ich nehme an, dass es mit weniger Investitionen verbunden ist, dieses Potenzial auszuschöpfen, als eine europäische Wasserstoff-Infrastruktur aufzubauen.

Was sind denn nun die Erfolgsfaktoren für den Wandel hin zu einer Treibhausgas-neutralen Energielandschaft?

Rodriguez: Der Wille und das Geld sind da. Es mangelt allerdings an Geschwindigkeit. Es muss jetzt schnell gehen, denn wir haben nur noch wenig Zeit, um die Klimaziele zu erreichen. Ob wir als Wirtschaft die gigantischen notwendigen Investitionen rechtzeitig stemmen, hängt auch von Fragen ab: Finden wir ausreichend Fachpersonal? Und bekommen wir rechtzeitig alle notwendigen Genehmigungen? Eine Gefahr sehe ich insgesamt in der Tendenz zur Überregulierung und eine Tendenz, bestimmte Technologien herauszupicken statt Technologieneutralität walten zu lassen.

Feicht: Es ist alles so angelegt, dass jetzt über die Maßnahmen entschieden werden kann. Für das europäische „Fit-for-55“-Paket haben wir in Deutschland bereits die Voraussetzungen getroffen. Aber Deutschland ist als Markt zu klein, deswegen brauchen wir eine europäische Rahmengesetzgebung. So entstehen Märkte, die es Unternehmen ermöglichen, ihre Ressourcen zu allokieren und zu investieren. Ein Beispiel dafür: Mit der Umsetzung der „Renewable Energies Directive II“ in nationales Recht haben wir Treibhausgasquoten für Kraftstoffe festgelegt. Der In-Verkehr-Bringer muss diese Quoten nachweisen, also wird er entsprechende Treibhausgas-neutrale Energieträger nachfragen. So entsteht ein Markt! Das kann man analog in anderen Sektoren auch machen.

Wobei dieses Vorgehen voraussetzt, dass die Technologien einen gewissen Reifegrad haben.

Feicht: Richtig, der Staat hat zwei Aufgaben: Er muss einen regulatorischen Rahmen schaffen und dann durch Fördermittel – aber wirklich nur begrenzt – die ersten großen Investitionen mit anschieben, damit die Preise dann fallen und wettbewerbsfähige technische Lösungen entstehen.

Rodriguez: Ich folge Ihrer Logik. Aber noch ist nicht alles gut. Ein großer Teil der Dekarbonisierung wird über Elektrifizierung kommen. Wir haben aber das Problem, dass der Strompreis in Deutschland – verglichen mit anderen Ländern – sehr hoch ist. Unser Appell lautet daher: die EEG-Umlage abzuschaffen, mindestens für Strom aus erneuerbaren Quellen. Es gibt immer noch den irrigen Gedanken, der Strompreis müsste hoch sein, damit Energieeffizienz sich lohnt. Aber wir arbeiten so oder so am effizienteren Umgang mit Energie!

Feicht: Eigentlich ist die Abschaffung der EEG-Umlage im politischen Berlin kein grundsätzlicher Streitpunkt mehr – diskutiert wird eher darüber, wie schnell sie umgesetzt wird. Gegenfinanziert kann sie über die Einnahmen aus dem CO2-Preis. Man darf das nicht verwechseln mit der Frage, ob erneuerbare Energie weiterhin der Förderung bedarf. Da haben wir mit den Auktionslösungen allerdings einen Weg gefunden, der einen sehr kostengünstigen Zubau ermöglicht.
 

 

Alle wollen die Energiewende, wenn es aber um den Zubau von Windkraftanlagen und Überragungsnetzen geht, ist wenig Aufbruchstimmung zu verspüren. 

Feicht: Ich verspüre schon viel Aufbruchstimmung, vor allem bei Unternehmen jeglicher Größe, die sich auf den Weg in Richtung Klimaneutralität gemacht haben und entsprechend investieren. Wir haben aber auch eine andere Seite: Wir sind ein Land, dem es gut geht und in dem jeder denkt, unser Wohlstand sei gottgegeben. Jede Beeinträchtigung wird da als Zumutung empfunden. Wir müssen diese Saturiertheit hinter uns lassen, das ist nicht nur eine Frage der Energiewende. Die Transformation hin in eine digitale und Treibhausgas-neutrale Welt wird nicht funktionieren ohne eine Infrastruktur, die man auch sieht, also zum Beispiel 5G-Masten genauso wie Strommasten!  

Rodriguez: Ich glaube sehr stark an Deutschland! Wir waren ein Vorreiter in der Energiewende und wir können diese Position auch halten!
 

Text Johannes Winterhagen | Fotografie Verena Brüning

 

Dieser Artikel wird in der Ausgabe 4.2021 am 6. Dezember 2021 erschienen.



Erschienen in der Ausgabe 4.2021

Wir müssen wachsen

Ohne Halbleiter geht in vielen Industrien kaum noch etwas. Die kleinen Bauteile sorgen vor allem dafür, dass Energie auf die unterschiedlichen Bedarfe und Spannungsniveaus umgeformt wird. Schon länger warnen Experten davor, dass ein Engpass gerade bei den wichtigen Leistungshalbleitern droht, der sich durch Corona noch einmal verstärkt hat. Die Produkte auf dem Markt kauft vor allem die Autoindustrie, um die wachsende Anzahl an Elektroautos auszurüsten. Damit die Energiewende gelingt, müssen aber auch die Solar- und Windbranche genügend Leistungshalbleiter zur Verfügung haben. Auch für Wärmepumpen und Industriemotoren sind Leistungshalbleiter, die sich deutlich von den Chips in PCs und Smartphones unterscheiden, unverzichtbar.

Anlauf für einen großen Sprung

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Fesseln lösen

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Mehr Windräder bauen, mehr Photovoltaik-Anlagen installieren, mehr Wasserkraft nutzen – fertig ist die Energiewende? So einfach ist es nicht. In der Aufzählung fehlen die Übertragungs- und Verteilnetze, die den Strom transportieren müssen. Und da gibt es noch einiges zu tun, sagt Martin Schumacher, Vorstandsvorsitzender der Hitachi Energy Germany AG.

Immer in Verbindung

Das Start-up Workerbase, Gewinner des ZVEIPitches im Frühjahr 2021, bindet das Fabrikpersonal besser in den Produktionsprozess ein. Gründer Norman Hartmann startete mit seiner Idee in einem Großkonzern – und wagte dann den Buy-out.

 

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