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16.11.2022

Globale Währungsordnung

Weil Länder ihre eigenen Währungen haben, bringen der Außenhandel von Gütern und Dienstleistungen sowie der grenzüberschreitende Kapitalverkehr immer auch Devisentransaktionen mit sich. Die Entwicklung ihrer jeweiligen Währungen versuchen Regierungen bzw. Notenbanken zu managen.

Dabei haben sie es regelmäßig mit Zielkonflikten zu tun. Bindet man seine Währung an einen externen Anker, schränkt dies die Möglichkeiten heimischer Konjunkturpolitik ein oder macht womöglich Kapitalverkehrskontrollen erforderlich. Eine internationale Währungsordnung soll helfen, die Zielkonflikte so weit als möglich aufzulösen. Allerdings funktioniert eine solche Ordnung meist nur eine gewisse Zeit lang. Irgendwann stößt sie an Grenzen.

Das Grundgerüst der ersten großen Globalisierungswelle, die Ende des 19. Jahrhunderts begann, war der Goldstandard. Hier waren die Währungen an das Edelmetall gekoppelt, mussten also in Gold getauscht werden können. Dadurch standen sie auch untereinander in festen Austauschverhältnissen. Spätestens mit der Großen Depression der 1930er Jahre war das System aber nicht mehr haltbar. Um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, kam es zu Abwertungswettläufen zwischen den Ländern. Als diese ausgereizt waren, überzog man sich gegenseitig mit Zöllen.

1944 gab es den nächsten Anlauf, als das Festkurssystem von Bretton Woods errichtet wurde. Jetzt waren die Währungen an den US-Dollar gebunden – mit leichten Anpassungsspielräumen nach oben und unten. Der Dollar wiederum war an Gold gekoppelt. Als sich ab den 1960er Jahren das Handelsbilanzdefizit der USA stark ausweitete, geriet die Glaubwürdigkeit der Dollar-Gold-Bindung allerdings ins Wanken. Weil die USA letztlich nicht bereit waren, ihre Geld- und Fiskalpolitik zu straffen, gab Präsident Nixon das Goldeinlösungsversprechen 1971 auf. 1973 fiel das Bretton-Woods-System.

Die gegenwärtige Weltwährungsordnung wird manchmal als Bretton Woods II bezeichnet. Sie ist gekennzeichnet durch (intrinsisch wertloses) Papiergeld, flexible Wechselkurse, die Dominanz des US-Dollars als Welt-Reservewährung sowie den weitreichenden globalen Einfluss amerikanischer Wirtschafts-, insbesondere Geldpolitik. Dabei bauen die übrigen Länder – allen voran Schwellenländer – Dollar-Reserven auf, um die eigene Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Der so gestärkte bzw. überbewertete Dollar erlaubt es den USA, hohe Leistungsbilanzdefizite zu fahren, die der Rest der Welt munter finanziert.

Eigentlich war immer klar, dass auch dieses System auf Dauer nicht wirklich tragfähig sein kann – Stichwort: Grenzen der Auslandsverschuldung, darbende Exportindustrien, De-Industrialisierung in den USA etc. Und tatsächlich haben doch spätestens die von Donald Trump verhängten Zölle und Sanktionen vor Augen geführt, dass die Gefahr eines Rückfalls in den Protektionismus der 1930er Jahre so weit hergeholt nicht ist.

Allerdings gibt es bis heute auch keine wirkliche Alternative zum US-Dollar. Denn welche sollte das sein? Der chinesische Yuan? Nicht frei konvertibel. Außerdem ist China inzwischen ein Systemrivale. Der Euro? Die ihn tragenden Länder sind in grundlegenden wirtschaftspolitischen Fragen uneins. Der Yen? Japans Volkswirtschaft ist ziemlich geschlossen. Das Pfund? Großbritannien ist aus der EU ausgetreten und ringt aktuell um finanzpolitische Stabilität – siehe den kurzen Auftritt von Liz Truss. Schließlich der Franken? Die Schweiz ist schlichtweg zu klein.

Zwar ist der in Dollar gehaltene Anteil der globalen Währungsreserven seit der Jahrtausendwende von mehr als 70 auf gut 60 Prozent gesunken. Das gleich in mehrfacher Hinsicht unsichere gegenwärtige makroökonomische Umfeld dürfte seinen Status als globale Leitwährung allerdings erst einmal wieder stärken.

Dr. Andreas Gontermann

Konjunktur & Märkte

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