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Von robusten Elektronikbauteilen bis zu einer resilienten Energieversorgung: Moderne Verteidigung braucht weit mehr als militärisches Gerät. Die Elektro- und Digitalindustrie rückt damit ins Zentrum eines neuen Markts. Die beiden Unternehmen Wöhner und Weidmüller geben Einblicke in Chancen, Risiken und Zugangswege.

Die Ausgaben für die Verteidigung sollen in Deutschland von rund 47 Milliarden im Jahr 2021 auf ca. 153 Milliarden Euro im Jahr 2029 steigen. Stellt sich die Frage, wer die nötigen Produkte liefern soll. Längst geht es dabei nicht mehr nur um Panzer, Waffen und Munition, sondern auch um Stromversorgung, Datenübertragung, robuste Elektronik und resiliente Infrastruktur. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Elektro- und Digitalindustrie zu, weil Elektronik und Software zunehmend wesentliche Bestandteile moderner Verteidigungssysteme sind. Der Anteil der elektronischen Komponenten in Rüstungsgütern soll sich auf bis zu 25 Prozent in den Jahren 2035 bis 2040 erhöhen. Für viele Unternehmen aus der Branche eröffnet sich damit ein neues Feld: als Zulieferer für Systeme, die Verteidigung überhaupt erst möglich machen.
Dabei ist der Markt hochkomplex: Der Endkunde ist – im Fall von Deutschland – die Bundeswehr. Sie wird von Systemherstellern wie Rheinmetall, Diehl oder KNDS (ehemals Krauss-Maffei Wegmann) mit kompletten Plattformen und Systemen beliefert. Für die Elektroindustrie ist das entscheidend: Der Weg führt meist nicht direkt in die Bundeswehr-Beschaffung, sondern über diese Systemhäuser. Als Sublieferant liefert sie Bausteine, die dann im Gesamtsystem integriert und zertifiziert werden.
Einer dieser Lieferanten ist Wöhner. Das Familienunternehmen aus dem oberfränkischen Rödental entwickelt Technologien, um elektrische Energie zu verteilen und zu steuern – und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Infrastruktur. Philipp Steinberger unterscheidet auch deswegen beim Thema Sicherheit: „Wir brauchen eine zivile, resiliente Infrastruktur in den Bereichen Energie, Wasser, Verkehr und Logistik. Die Systeme müssten so gebaut sein, dass sie Angriffe oder Katastrophen überstehen“, sagt der CEO von Wöhner. Die Kompetenzen des Unternehmens ließen sich auch auf militärische Bereiche übertragen, wie zum Beispiel auf Bundeswehrstandorte, militärische Logistik, Feldlager und die mobile Energieversorgung. „Gleichzeitig prüfen wir, wie wir unsere Bauteile für die Produkte zur militärischen Verteidigung liefern können“, erklärt Steinberger, der auch der neu gegründeten ZVEI-Plattform Sicherheit und Verteidigung vorsitzt.

Für den Manager ist eine der größten Herausforderungen der Zugang zum Markt. Neben den Systemherstellern, bei denen die Elektrotechnikfirmen als Zulieferer gelistet sein müssen, sieht er auch öffentliche Ausschreibungen als Weg. „Der Aufwand ist hoch, und bei zehn Bewerbungen können wir mit zwei Aufträgen rechnen“, beschreibt Philipp Steinberger die Erfahrungen von Wöhner. Um die Quote zu steigern, sieht er direkte Kontakte zur Bundeswehr als entscheidend an. „Wir müssen die Strukturen verstehen und uns auf lange Prozesse und hohe Dokumentationsanforderungen einstellen.“
Gleichzeitig beobachtet der Wöhner-CEO einen Imagewandel: „Früher wollte kein Unternehmen mit Rüstungsfirmen assoziiert werden, um zum Beispiel bei ESG-Ratings nicht schlechter beurteilt zu werden. Heute ändert sich die Wahrnehmung, Unternehmen können einen wichtigen Beitrag zur Verteidigung leisten.“ Eine zentrale Herausforderung sieht er bei der Planungssicherheit. „Der Verteidigungshaushalt wird jährlich neu beschlossen, es gibt also keine Langfristgarantien und Investitionssicherheit.“ Für Wöhner heißt das im Moment, dass das Unternehmen zwar im Infrastrukturbereich aktiv ist, in der Waffentechnik allerdings noch nicht. „Wir arbeiten aber eng mit einer Partnerfirma zusammen, um den Markt besser kennenzulernen. Dabei geht es zum Beispiel um den 3D-Druck von Ersatzteilen und um Kleinserien.“
Auch Weidmüller nähert sich dem Markt als klassischer Zulieferer. Das Unternehmen für elektrische Verbindungstechnik aus Detmold baut Komponenten, die in größere Systeme integriert werden. Für Christian von Toll nahm der Einstieg in die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie seinen Anfang mit einer persönlichen Erfahrung. Der Chief Sales Officer von Weidmüller nahm an einer Art Wehrübung für zivile Führungskräfte im Frühjahr 2022 teil – bei der Bundeswehr heißt diese „Dienstliche Veranstaltung zur Information“. Dort traf er auf Manager aus der Rüstungsindustrie – und hörte immer wieder denselben Satz: „Genau das, was ihr habt und was ihr könnt, das brauchen wir.“ Das Problem vieler Systemhäuser sei dabei, dass sie Lösungen oft mit kleinen Mittelständlern entwickeln würden, die nicht skalieren können. Für Weidmüller sei das kein Problem.

Doch Technik allein reicht nicht. Christian von Toll beschreibt den Einstieg als einen Prozess, in dem Unternehmen zunächst einmal eine klare Entscheidung treffen müssen, ob sie den Markt bearbeiten wollen. Für Weidmüller trifft das zu. „Wir haben das Thema mit unseren Eigentümern abgestimmt und die internen Prozesse aufgebaut“, so von Toll. Anschließend hat das Unternehmen das Marktpotenzial mit den eigenen Kompetenzen abgeglichen. Die ersten Projekte laufen bereits mit großen Systemherstellern.
Um den Bereich weiter voranzutreiben, plädiert Christian von Toll für eine engere Verzahnung von Politik, Bundeswehr und Industrie. Dabei stehen resiliente Lieferketten im Fokus. So stammten zum Beispiel viele Produkte wie Platinen, andere Elektronikbauteile oder Spezialkunststoffe aus China. „Diese Abhängigkeiten müssen wir konsequent reduzieren, indem wir klare Vorgaben für lokale Wertschöpfung definieren und gleichzeitig den gezielten Auf- und Ausbau regionaler, flexibler Produktionskapazitäten vorantreiben“, betont der Manager. Das ist auch aus einem anderen Blickwinkel ein Vorteil. Die Rüstungsproduktion ist an vielen Stellen kein Massenmarkt. „Ein Autohersteller produziert 1.500 Pkw am Tag, Panzer werden zum Beispiel nur wenige Dutzend im Jahr hergestellt“, unterstreicht von Toll. Eine Automatisierung rechnet sich oft nicht. Vom sogenannten Dual-Use, bei dem alltägliche Produkte für die Verteidigungsindustrie zertifiziert werden, hält er nicht so viel. „Die Prozesse können dann extrem schwerfällig werden. Wir sollten besser gezielt bestimmte Bauteile für die Rüstungsunternehmen entwickeln oder anpassen.“
Beide Unternehmen legen darüber hinaus viel Wert auf Kooperationen. „Niemand muss alles alleine machen“, argumentiert Philipp Steinberger. So wie ein Schaltschrank immer auch ein Verbundprodukt vieler Firmen ist, könnten auch die Rüstungsgüter funktionieren, erklärt der Wöhner-CEO. Die durchaus vorhandenen Risiken, die aufwändige Entwicklung und auch die nötige Geschwindigkeit ließen sich gemeinsam besser stemmen.
Text Marc-Stefan Andres | Illustration shutterstock.com/ Litvinova Oxana | Bilder Weidmüller, Wöhner/ Aleander Libotte
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2026 am 13. April 2026 erschienen.
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